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Fotos posten: Warum haben wir den Drang, alles mitzuteilen?

Warum wollen wir bloß ständig Fotos posten?

Ja, ja. Die analogen Alten kennen es noch anders: Da wurde man im September zu den Nachbarn auf einen Dia-Abend eingeladen. Ein kurzer Blick ins Wohnzimmer („Herrje, diesmal sind es über drei Meter Dia-Magazine!“) genügte, um abzuschätzen, wie lang der Abend dauern würde. Bei Häppchen und einem gepflegten Glas Rotwein nahm man Anteil an Peterchens erstem Schultag, der Provence-Rundfahrt oder der Bildungsreise „99 berühmte romanische Kirchen.“ Die guten alten Zeiten waren auch nicht immer nur schön. Aber sie hatten Vorteile: Nach ein paar Stunden war's vorbei. Man bekam die Bilder nie wieder zu sehen. Und überhaupt war das Angebot an Fotos ohnehin begrenzt, denn das Speichermedium – damals ja noch Filme – war teuer. Da hat man sich schon genau überlegt, was man auf Bild 35 und 36 ablichten will. Heute ist es anders.

Von Ursula Willimsky

Da machen junge Erwachsene Schlagzeilen, weil sie jeden Tag mehrere hundert Fotos mit ihrem Smartphone knipsen. Und – so steht zu befürchten – das Ganze dann auch noch ins Netz stellen. Den Freunden immer zeigen, wo man gerade ist, was man gerade macht und auch, was man gerade trägt, ist für viele enorm wichtig. Man selbst bekommt als Kamerakind dann zwar nicht so ganz intensiv mit, was man gerade erlebt. Macht aber nix, das kann man sich ja dann daheim in Ruhe anschauen. Ist ja jedem seine eigene Entscheidung.

Nervig ist die allgegenwärtige Dauerknipserei eher für das Umfeld: nicht jeder schätzt es, auf der Grillparty ständig wie auf dem roten Hollywood-Teppich von Privat-Paparazzis umzingelt zu sein (und die Kontrolle darüber zu verlieren, mit welchem Gesichtsausdruck einen ein paar Sekunden später alle sehen können! Die Googability ist ja nicht in jeder Situation gegeben). Sich entspannt gehen zu lassen ist in Gegenwart eines Smartphone-Junkies kaum möglich. Ständig muss man darauf achten, zu lächeln und eine gute Figur zu machen - nervig.

Milliarden Fotos werden jeden Monat gepostet

Nervig (das Wort muss in diesem Zusammenhang einfach öfter fallen) ist es aber auch, dass man ständig von Kameras umgeben ist. Ich war schon auf Veranstaltungen, bei denen ich vom eigentlichen Geschehen auf der Bühne kaum etwas mitbekommen habe, weil Dutzende von hochgereckten Tablets mir die Sicht versperrten. Und ich mich gezwungen sah, statt auf die Bühne auf das Tab meines Vordermannes zu starren – eine Live-Übertragung, obwohl ich doch eigentlich live dabei war.

Deutschland, einig Knipserland. Unglaubliche drei Milliarden Fotos werden hier jeden Monat geschossen. Wer soll sich die denn alle anschauen? In einem selbstkritischen Moment gerade eben habe ich mal nachgezählt: In einem Ordner auf meinem Laptop schlummern deutlich über tausend unsortierte Bilder. Wunderschöne Erinnerungen und vermutlich viel Schrott. Früher hätte ich erstens nicht so viele Fotos geschossen, und die wenigen wahrscheinlich allein schon aus Platzgründen längst aussortiert und eingeklebt. Heute mache ich das morgen.

Dokumentieren ist ja das eine. Aber vielen (siehe oben) reicht das nicht. Die sozialen Netzwerke sind voller Fotos. Natürlich ist es nett und auch zeitsparender, sich das neue Sofa von Beate mal kurz auf Facebook anzuschauen statt zu ihr rüber zu fahren und auf besagtem Sofa gleich noch ein Pläuschchen zu halten. Aber wenn alle paar Stunden oder Tage etwas Neues gepostet wird, kann das auch für die Freunde anstrengend werden. Mit einem Abend im September ist es nicht mehr getan: Die Freunde müssen sich das alles ja anschauen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Und brav kommentieren zu können.

In Großbritannien wurde die Zur-Schau-Stellen-Seuche schon mit einer Studie untersucht. Konkret ging es um die Frage, wann wer welche Fotos von seinen Kindern ins Netzwerk stellt. Unglaubliche 74 Prozent aller Neugeborenen erscheinen dort innerhalb einer Stunde auf Facebook, Instagram oder Flickr. Hauptsächlich, damit die nahen und fernen Freunde und Familienmitglieder gleich informiert sind. Aber auch „aus Liebe zum Baby“ (49 Prozent). Beflügelt wurde die große Baby-Schau durch die Zeigefreudigkeit von William und Kate, die ja auch nicht lange zögerten, die Welt an dem doch recht intimen, innigen Ereignis teilhaben zu lassen.

Und so geht es dann die ganze Kindheit weiter: Immerhin 64 Prozent aller Eltern posten mindestens drei Mal die Woche neue Fotos von ihren Kindern. Und irgendwann posten die dann fleißig selber. Was neben Zeit auch ganz schön viel Geld kosten kann – wer will schon ständig mit demselben Profilfoto in denselben Klamotten von der Welt gesehen werden? Auch für dieses Problem gibt es angeblich inzwischen Lösungen: Billigklamotten, quasi zum einmaligen Gebrauch speziell produziert für die Profilfoto-Zielgruppe. Ab ins Profil – danach ab in die Tonne.

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