FAMILIE FAMILIE

Förderwahn: Werden unsere Kinder überfordert?

Förderwahn: Werden unsere Kinder überfordert?
Werden unsere Kinder überfordert?

Überfördern wir unsere Kinder hoffnungslos?

Babys, die Gebärdensprache lernen, Dreijährige, die Physik-Experimente machen und Chinesisch in der Vorschule. Höher, schneller, weiter - das scheint das Ziel vieler Eltern zu sein, die ihre Kinder bestmöglich fördern wollen. Und dabei häufig übersehen, dass viel nicht immer viel hilft. Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit.

Von Merle Wuttke

Mein erster Sohn lernte pünktlich zu seinem ersten Geburtstag das Sitzen und lief erst ein halbes Jahr später allein. Mein zweiter Sohn konnte bereits vor seinem ersten Geburtstag laufen. Mein erster Sohn sprach mit zwei Jahren bereits vollständige, klare Sätze und besaß einen unglaublichen Wortschatz. Sein kleiner Bruder dagegen fing in diesem Alter erst an, überhaupt zwei Wörter aneinander zu reihen. Hätten beide jeweils Laufen und Sprechen schneller gelernt, wenn ich sie noch mehr gefördert hätte? Ich denke nicht. Heute sprechen und laufen beide schließlich gleich gut.

Diagnose: Förderitis

Dabei hatte ich mich gerade beim ersten Kind noch wahnsinnig bemüht - mein Sohn und ich hatten einen vollen Terminkalender: dienstags Pekip, mittwochs Kindermusik auf Englisch, freitags Babyschwimmen. Ich dachte, das muss so sein. Ich dachte, das hilft. Und wunderte mich, warum ich häufig viel gestresster von diesen Terminen zurück kam als ich war. Und mein Sohn wirkte auch nicht gerade entspannt - nur erschöpft. Zum Glück hatte ich beim zweiten Kind nicht mehr Zeit für solche Dinge – sonst wäre ich die Krankheit wohl nie losgeworden.

Ja, denn auch mich hatte sie erwischt: die berühmt-berüchtigte Elternkrankheit Förderitis. Erste Anzeichen sind hektische Anrufe bei diversen Anbietern kindlicher Frühförderprogramme, ständiges Vergleichen des Entwicklungsstandes des eigenen Kindes mit denen anderer Mütter ("Tom kann schon seinen Namen sagen!"; "Lisa isst jetzt selbst") und panisches Durchblättern sämtlicher Eltern- und Erziehungsratgeber.

Mach mit oder raus bist du

Förderwahn: Werden unsere Kinder überfordert?
© Harald07 - Fotolia, Harald Jeske

Immer, wenn ich dann beim Pekip im Kreis mit all den anderen Mamas saß, hatte ich das Gefühl, trotzdem noch nicht genug zu tun: "Was, Du hast ihn noch nicht beim Montessori-Kindergarten angemeldet? Das habe ich schon gemacht, als ich noch schwanger war!" - "Also ich finde diese Lerncomputer wirklich super - Tim lernt dabei so viel!" Ich fühlte mich wie ein Alien, wenn ich in die Runde sagte, dass wir einen ganzen Nachmittag auf der Wiese gelegen und nichts getan hatten, außer Blümchen anzuschauen oder Marienkäfer zu suchen. Die Blicke, die mich trafen, sprachen Bände: "Was für eine Zeitverschwendung!"

Schnell, schnell - wir haben keine Zeit mehr!

Denn darum geht es doch immer in der Diskussion um die Frühförderung unserer Kinder - um die Zeit. Um das sprachliche Zeitfenster, dass angeblich nur bis zum sechsten Lebensjahr offen steht, um eine Fremdsprache richtig zu verinnerlichen. Um die Zeit, die in Kindergärten und Krippen mit Basteln und im Sand spielen vergeudet wird, um die ach so kostbare Zeit, die wir unseren Kindern rauben, wenn wir sie nicht schon mit neun Monaten einem Lernprogramm aussetzen.

Wie gut, dass Kinder in ihren ersten Jahren überhaupt kein Gefühl für die Zeit haben. Und wenn sie es hätten - sie würden sich wahrscheinlich fragen, was der ganze Stress soll. Mein ältester Sohn, heute fünf, liegt manchmal eine dreiviertel Stunde auf dem Teppich in seinem Zimmer und schaut an die Decke. Ich weiß nicht, worüber er dann nachdenkt, ob er überhaupt über etwas nachdenkt, ich weiß nur, dass er diese Zeit für sich braucht. Und das er dabei etwas lernt - auch, wenn man es nicht sehen kann.

Anzeige