GESUNDE ERNÄHRUNG GESUNDE ERNÄHRUNG

Figurtest für Kinder: Boykott gegen 'Medizini'

'Medizini'-Heft wirbt mit Figurtest für Kinder
'Medizini'-Heft wirbt mit Figurtest für Kinder Geht's noch!? 00:02:19
00:00 | 00:02:19

Medizini-Heft bringt Figurtest für Kinder raus - im ernst?

Das Magazin ‘Medizini’ ist der infantile Ableger der braven Apotheken Rundschau und richtet sich an Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren. ‘Medizini‘ erscheint ebenfalls monatlich und liegt gratis in Apotheken aus. Normalerweise ist sein aufregendster Inhalt eine Geschichte über wilde Tiere in Afrika oder ein Löwenposter. Im Januar hat es ‘Medizini’ nun aber in die landesweiten Schlagzeilen gebracht. Durch einen missglückten Figurtest für Kinder, der für allgemeine Empörung sorgt.

Figurtest: Kind steht auf einer Waage
Schlankheitswahn bei Kindern kann ernste Essstörungen nach sich ziehen

Von Christiane Mitatselis

Der Test ist im Bravo-Stil aufgemacht. Illustriert ist er mit dem Foto eines Mädchens in enger Jeans, das sich skeptisch in einem Spiegel betrachtet. „Teste dich, wie zufrieden bist du mit deiner Figur?“, ist daneben zu lesen. Es folgen sieben Fragen, zum Beispiel: „Stell dir vor, du hättest in letzter Zeit ganz schön zugelegt. Was tust du?“ Oder: „Wie genau kennst du dein Gewicht?“ Oder: „Alle in deiner Klasse tragen diese superengen Hosen. Bei dir sitzen sie viel zu knapp und sehen nicht gut aus. Was tust du?“ Sinn dieses Tests ist es laut Harald Lorenz, Chef von ‘Medizini’, Kinder für das Thema Magersucht zu sensibilisieren. So kommt der Test allerdings nicht rüber.

Vielmehr scheint er Kinder an das Thema Figurprobleme heranführen zu wollen – nach dem Motto: Bist du zu dick, ja oder nein? Deshalb hat eine Apotheke in Neckarhausen beschlossen, das Januar-’Medizini’ nicht auszulegen, diesen Entschluss bei Facebook gepostet – und damit eine Diskussion ausgelöst, die meisten Kommentare sind empört. Zu Recht.

Missglückt ist der Test, weil er mit Suggestivfragen arbeitet und Kinder, die sich womöglich noch nie mit dem Thema befasst haben, erst darauf bringen könnte, dass sie ein Figurproblem haben. Sie könnten sich zum Beispiel fragen: Sitzt meine Hose zu eng? Habe ich Weihnachten zu viel gegessen?

Essstörungen können die Folge solcher Tests sein

Der Test könnte somit im schlimmsten Fall dazu führen, dass Problem entsteht, wo vorher keines war. Auch wenn ‘Medizini’ nicht das Leitmedium der Fünf- bis Zwölfjährigen ist, auch, wenn sie nicht automatisch alles verinnerlichen, was das Apotheken-Magazin schreibt, sollte man ihnen einen solchen Quark besser ersparen.

Denn es ist ein ernstes Problem. Das Risikoalter für Anorexie-Erkrankungen liegt zwischen 13 und 25 Jahren – mit sinkender Tendenz. Von Ärzten ist zu hören, dass die Patienten immer jünger werden, sogar Zehnjährige werden schon krank. Erste Essstörungen treten bereits bei Kindern unter zehn Jahren auf. Eltern berichten, dass Fünfjährige darüber klagen, Sie seien zu dick.

Apropos Eltern: Es ist ihre Aufgabe, einem Kind ein gesundes Verhältnis zu diesem Thema zu vermitteln. Indem sie ihm klar machen und vorleben, dass richtige Ernährung und Bewegung die Grundlage für ein schlankes und gesundes Leben sind. Nicht aber Hungerkuren und dumme Diäten. Die andere Seite des Problems: Eltern sind auch dafür verantwortlich, ein Kind vor Ernährungssünden und Fettleibigkeit zu bewahren. Ihm weder Fleischberge, noch Limonade, Chips oder Süßigkeiten in großen Mengen zu verabreichen.

Vielleicht veröffentlicht die nächste Apotheken-Umschau ja einen Kinder-Ernährungstest für Eltern. Als Wiedergutmachung für den groben Test-Unfug in ‘Medizini’.

Anzeige