Feuchtgebiete: Schlimmer als jede Dschungelprüfung!

Fieser Matsch oder Feuchtgebiete?

Bei Charlotte Roche stelle ich mir immer die Frage: Kann ich zu wenig Kunst oder die? Nun gibt’s die Feuchtgebiete auch als Film. Hörspiel hätte mir persönlich gereicht, aber für Frauenzimmer bringe ich fast jedes Opfer. Ich habe mir das Werk vorab angesehen; quasi als Urban-Dschungelprüfung...

Feuchtgebiete - nicht für jeden was!
Die Romanverfilmung Feuchtgebiete spaltet die Gemüter

Von Karla Steuckmann

Es ist ziemlich einfach, aus einem guten Buch einen schlechten Film zu machen. Die weit spannendere Frage ist, ob es auch umgekehrt geht: Lässt sich aus einem schlechten Buch ein guter Film zusammenschustern? Man könnte den ganz üblen Mist ja weglassen, in diesem Fall den Text. Bei Feuchtgebiete kann man eigentlich nicht mehr viel falsch machen. Nach unten ist kein Platz mehr, also kann der Film nur besser werden. Die Papiervorlage bot dem Drehbuchautor also zumindest theoretisch die Chance, aus dem verquasten Dirty-Girly-Matsch angenehm trockenen Humor zu extrahieren.

Ich saß also ergebnisoffen, aber vorsichtshalber mit nüchternem Magen und Ingwerbonbons gegen Übelkeit in der Pressevorführung. Und dann ging´s los. Mit dem Off-Text der Hauptfigur Helen, also Charlottes wildgewordener Schulaufsatz als Lesung: Bilde 20 Sätze mit Muschi bla bla bla – Kacka, Pipi, Hämorrhoiden, Muschi, Eiter, Blut, Ficken, Blasen, Aua. Chance vertan! Das Ganze bebildert mit einem aufwändig eklig hergerichteten öffentlichen Klo. Das Intro endet in einer Ranfahrt auf die klebrige Brille, an der die Darstellerin sich eben noch in kunstvoller Verrenkung die (na was wohl?) Muschi geschubbert hatte: nah, noch näher, der Urinstein tut sich auf, Musik schwillt bedrohlich basslastig an und wir sehen computeranimierte Keime, wie man sie aus gängigen Kloreiniger-Spots kennt. Karius und Baktus für Erwachsene. Jetzt könnte man lachen, aber der Film nimmt sich dafür zu ernst.

Dies soll nicht die letzte unfreiwillige Ausleihe aus der Werbung bleiben. Nach 20 Minuten waren zum ersten Mal wirklich alle gängigen Ausscheidungen zum ersten Mal ganz groß raus gekommen. (Sorry für den und alle weiteren platten Kalauer, ich habe mich mit Rochitis angesteckt...) Das erste Ingwerbonbon war fällig. Bei sämtlichen Folgen Emergency Room, Greys Anatomie, Dr. House und Dschungelprüfungen, auch die schlimmsten von allen und denen, die noch kommen werden – habe ich nicht so oft angewidert weggesehen wie in 109 Minuten 'Feuchtgebiete'.

Richtig gut waren nämlich nur die Requisiteure, Ausstatter und die Spezialeffekt-Maske. Nie zuvor habe ich so realistische Nachbildungen von Eiter – Blut Gemisch an Analfisteln, Ausscheidungen aller Art und randvollen Tampons in so gut ausgeleuchteten Nahaufnahmen gesehen. Ehrlich gesagt, wollte ich das auch noch nie. Über weite Teile hat der Regisseur David Wnendt sich offenbar von Nachschlagewerken für Medizinstudenten inspirieren lassen.

'Feuchtgebiete'-Hauptdarstellerin Carla Juri? Momo mit Menstruation!

Deshalb entpuppte sich das stümperhafte Drehbuch letztlich als segensreich, denn jede Ingwerbonbon-Szene war derart vorhersehbar, dass es an Robert Lemkes „Was bin ich?“ erinnerte: Setzt bitte die Augenmasken auf und wenn Sie zu Hause mit raten wollen machen Sie jetzt bitte die Augen zu – Gong!“ Muschi mit Bäh, Fistel mit Soße, Grillzange statt blauem Bändchen usw. usf. ... Alles kam immer genau so wie es kommen musste. Und die vier Pizzabäcker auf die Spinaci im Dreivierteltakt und in Slowmotion.

Womit wir bei den nächsten beiden Problemzonen im Feuchtgebiet wären: Musikauswahl (Nachmittags-Dokusoap-Autoren könnten davon lernen) und Bildsprache. Ich habe schon viel Mist gesehen, aber die hat mich zum zweiten Ingwerbonbon greifen lassen. Platt, Platter, Feuchtgebiete... Beispiel? Ok: Helen träumt mit Weichzeichner und farbverändert unter sphärischem Gewaber von der Wiedervereinigung ihrer Eltern. Das Bild verformt sich zu einer Kugel, sie schwingt als Seifenblase über die Leinwand und – Überraschung! Von rechts kommt eine große Nadel ins Bild. Sie platzt, die Seifenblase! Na so was, jeder TV-Praktikant würde diese Bildidee bei den nächsten 10 Weihnachtsfeiern um die Ohren gehauen bekommen. Noch einen?

Man nimmt Drogen, es folgt eine Nachbildung des 70er Kultspots vom Africola-Rausch nur nicht so lecker. Am Ende hat sich leider die Requisite wieder durchgesetzt mit hervorragend lebensechter Kotze im Waschbecken und im Close up.

Auch die meisten Gesichtsausdrücke der Hauptdarstellerin Carla Juri kennt man aus der Werbung. Bei jedem ihrer mannigfaltigen Orgasmen guckt sie, als hätte sie gerade von der Yogurette abgebissen. Bei Blow Jobs macht sie hingegen eher ein Activia-Genuss-Gesicht. Juri ist ein süßes Ding, eine Momo mit Menstruation, der man den Kampf gegen die grauen Männer abnimmt, aber sogar Inka Bause würde sie in den Pornoszenen an die Wand spielen. Die Arme müht sich redlich ab, doch ihre Rolle hätte besser ein echter Pornostar vertont: Ohoh, ahhhahh – bei ihren vielen Sätzen mit „Muschis“ hatte ich immer Kätzchen vor Augen. Den Dirty-Talk nimmt man ihr einfach nicht ab. Den Rest auch nicht. Die junge Schweizerin spricht so bemüht langsam Hochdeutsch, dass man ihr einen Besuch beim Logopäden verordnen möchte. Oder sie ist furchtbar schlecht synchronisiert oder beides. Leider geraten so die wenigen eher tragischen Szenen ohne Kacka-Pipi-Muschi-Elemente zu einer Art Vorsprechen bei der Volkshochschul-Theatergruppe.

Aber wer will es ihr verdenken? Auch die tragenden Säulen des deutschen Films finden keinen guten Stand im feuchten Matsch. Meret Becker, rackert sich am Holzschnitt der prüden Mutter ab. Axel Milberg, tat mir als Vater geradezu leid, zwang ihn das Drehbuch doch dazu, seiner Filmtochter während eines wilden Ausdruckstanzes das Gemächt um die Ohren zu hauen (O-Ton Bong) Keinem gelingt es, gegen das Buch und das viel zu nahe Drehbuch anzuspielen. Sogar der von mir hochverehrte Edgar Selge ist als Chefarzt der Proktologie für'n Arsch.

Ganz am Schluss sorgte die unfreiwillige Komik der Inszenierung dann für den einzigen Lacher beim weiblichen Publikum. Sicher spielte da auch Erleichterung eine Rolle: Über dem Abspann lief ein Song mit dem Titel „Come into my mouth“. Ich wette zwei Drittel der Kolleginnen dachten das gleiche: „Egal, Hauptsache vorbei und der Appetit ist praktischerweise auch vorübergehend weg.

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