'femscriptintros': Filmproduzent enthüllt sexistische Drehbücher

'femscriptintros': Filmproduzent enthüllt sexistische Drehbücher
Frauen werden in Filmintros oft durch körperliche Attribute beschrieben. © CINETEXT, Cinetext Bildarchiv

"Nur selten ist da von intellektuellen Fähigkeiten oder der beruflichen Position die Rede."

„Beleuchter A zum Set bitte! Bitte dringend Beleuchter A zum Set! Im Frauenbild des Drehbuchautors müsste mal jemand das Oberlicht anknipsen!“ Wo entsteht das aktuelle Frauenbild? Na. In Bildern eben. Gerne in bewegten Bildern übrigens, also in Filmen. Und wo entstehen die Bilder, die wir dann zu sehen bekommen? Na. In den Köpfen derer, die Filme machen, Drehbücher schreiben, Rollen besetzen. Der Filmproduzent Ross Putman aus Los Angeles dokumentiert in seinem Twitteraccount, wie in aktuellen Drehbüchern weibliche Charaktere beschrieben werden. Nur selten ist da von intellektuellen Fähigkeiten oder der beruflichen Position die Rede. Frauen werden fast ausschließlich durch körperliche Attribute beschrieben. Das ist sexistisch, keine Frage. Entwickelt in der Masse gelesen aber durchaus einen gewissen skurrilen Reiz.

Von Ursula Willimsky

Aber zunächst werfen wir einen Blick auf eine andere wunderbare Web-Seite. Die Londoner Schauspielerin Miss L. ist schon seit 2013 im Kampf gegen das sehr körperlastige Frauenbild mancher Filmschaffender unterwegs. Auf castingcallwoe.tumblr.com veröffentlicht sie akribisch alle einschlägigen Casting-Aufrufe, über die sie bei der Suche nach Arbeit so stößt. Kostprobe gefällig? Gerne: „Wir suchen nach schönen, heißen Mädchen, die vor der Kamera in sexy Dessous Köchinnen darstellen“. Können müssen die Mädels natürlich auch etwas: „Sie sollten sich auf einem Pogo-Stick (Turngerät zum Auf- und Abhüpfen, Anmerkung der Redaktion) wohlfühlen und an einem sexy Food Fight mit den anderen Köchinnen teilnehmen.“

Auf ihrer Seite offenbart Miss L. einen nahezu unglaublichen Einblick in die Anforderungen, die an professionelle Schauspielerinnen heutzutage gestellt werden …. So manches Rollenangebot beginnt mit einer detaillierten, ach, jetzt hätten wir beinahe Produktbeschreibung gesagt, aber natürlich geht es um eine Charakterbeschreibung: „Having a nice body with full set of breasts“. Da machen wir uns noch nicht einmal die Mühe, das zu übersetzen.

Offensichtlich verlieren diejenigen, die solche Stellenangebote für Schauspielerinnen formulieren, gerne auch mal den Überblick, was denn nun Film ist und was Phantasie, was dieser Castingaufruf eindrucksvoll illustriert: „Palmer ist ein typischer Horror-Film, blond mit großen Titten“. Jaaah.

Putman trifft einen Nerv - weil er ein Mann ist?

Ross Putman sitzt auf der anderen Seite der Filmindustrie. Als Produzent bekommt er all die Drehbücher auf seinen Schreibtisch, in denen später sexy Frauen auf Pogo-Sticks auftreten sollen. Seit Anfang Februar veröffentlicht er auf @femscriptintros Auszüge aus Drehbüchern. Genauer gesagt: Er veröffentlicht die Sätze, mit denen der erste Auftritt einer Protagonistin beschrieben wird. Surprise, surprise: Auch hier wird das Wörtchen „big“ selten in Zusammenhang mit intellektuellen Eigenschaften gebraucht.

„Jane, seine etwa 30-Jährige Frau, trägt Unterwäsche. Vor dem Spiegel trägt sie Lippenstift auf und macht daraus eine Erotik-Show“. Das lässt doch auf eine Charakterrolle schließen, die die liebe Jane da verkörpern soll. Weiter geht´s mit dem nächsten Beispiel: „Jane ist mit 40 immer noch eine Wucht. Das weiche Kerzenlicht lässt ihre Schönheit strahlen.“ Oder auch: „Jane - mit langen, blonden Haaren - betritt den Raum. Sie ist auf unangestrengte Weise attraktiv, hinter einem mutigen Lächeln zeigt sie verführerischen Charme“. Und so weiter und so fort.

Um Urheberrechtsstreitigkeiten aus den Weg zu gehen, ersetzt Putman auf seinen Posts jeden Rollennamen durch den Namen Jane. Eine prima Wortwahl, finden wir – da werden auch bei uns im Kopf gleich Bilder wach von Mädchen, die von echten Männern an Lianen gerettet werden.

Putman hat mit seinem Twitter-Auftritt den Nerv der Zeit getroffen – innerhalb von zwei Tagen sammelte er über 50 000 Follower. Und das ist das einzige Körnchen Gram, das seine Seite über unsere Gemüter streut: Wenn ein Mann das Frauenbild in der Filmindustrie anprangert, verbreitet sich das in Windeseile in den Medien. Wenn eine Frau dasselbe tut, findet sie nicht ganz so viel Beachtung. Miss L. hat gerade mal ein paar Tausend Follower. Eine feministische US-Seite lässt dieses Dilemma auf eine sehr schöne Gleichung zusammenschnurren:

- Frauen sprechen über Feminismus = Weißes Rauschen

- Männer sprechen über Feminismus = Internationale Nachricht.

Wir zitieren da aber lieber noch einmal aus Miss L.s Seite: „Sie will nicht zum Objekt gemacht werden und ist sehr schön“. Zugegeben, das hinkt jetzt ein bisschen, aber wir wollten Euch dieses letzte Paradoxon einfach nicht vorenthalten. Vielleicht auch, weil es so schön beschreibt, wie widersprüchlich die Rollenbeschreibung ist, der Frauen genügen sollen. Übrigens nicht nur im Film.

Anzeige