Fehlgeburt gilt als Mord: Frauen in El Salavador droht Gefängnisstrafe

"Abtreibungen" verboten: Haftstrafen für Fehlgeburten in El Salvador
Im erzkonservativen El Salvador leiden Frauen unter Gesetzen, die Fehlgeburten strafbar machen © Mitarart - Fotolia

30 bis 40 Jahre Haft für eine Fehlgeburt

In El Salvador wird eine Abtreibung mit Haft zwischen zwei und acht Jahren bestraft. Nach der 22. Schwangerschaftswoche gilt auch eine Fehlgeburt als Mord und wird oft mit 30 bis 40 Jahren Haft geahndet. Derzeit sitzen noch 15 Frauen wegen einer unverschuldeten Fehlgeburt im Gefängnis.

Von Jutta Rogge-Strang

El Salvador hat weltweit eines der strengsten Abtreibungsgesetze der Welt. Schwangerschaftsabbrüche sind unter allen Umständen verboten und strafbar, selbst wenn hierdurch das Leben von Frauen und minderjährigen Mädchen in Gefahr gerät oder die Schwangerschaft Folge einer Vergewaltigung ist. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat sich bereits für diese Frauen eingesetzt, 17 reichten im April 2014 ein Gnadengesuch ein.

Eine der Frauen, Guadalupe, wurde wegen einer Fehlgeburt zu 30 Jahren Haft verurteilt und sitzt bereits seit acht Jahren im Gefängnis. Guadalupe war 18 Jahre alt, als sie verhaftet wurde, lebte auf dem Land und hatte damals einen fünfjährigen Sohn. Im neunten Monat erlitt sie eine Fehlgeburt und verblutete beinah, ihr Arzt zeigte sie wegen des Verdachts auf versuchten Schwangerschaftsabbruch an. Eine 22-Jährige, die ins Krankenhaus gekommen war, weil es bei ihrer Hausgeburt zu Komplikationen gekommen war, wurde zu 30 Jahren Haft verurteilt. Weil ihr Kind bei der Geburt starb, stellte der Richter "mangelnden Mutterinstinkt" fest. Eine andere Frau, Delmi, wurde von ihrem Freund ins Krankenhaus gebracht, als er sie ohnmächtig und in ihrem Blut liegend in der Toilette fand. Delmi wusste noch nichts von ihrer Schwangerschaft, wurde aber trotzdem noch im Krankenhaus festgenommen. Nach einem Jahr Untersuchungshaft bekam Delmi erstmals einen Anwalt, der ihre Unschuld bewies.

Nicht nur in El Salvador leiden Frauen unter diesen Gesetzen

In El Salvador wird Frauen und minderjährigen Mädchen das Recht genommen, über ihren eigenen Körper zu entscheiden. Dabei ist Salvador nur eines von sieben Ländern in Lateinamerika, in denen Abtreibungen per Gesetz verboten sind. Auch in Chile, der Dominikanische Republik, Haiti, Honduras, Nicaragua und Surinam stehen Abtreibungen unter Strafe. In Chile steht allerdings bereits eine Überarbeitung der Gesetze bevor.

Die verurteilten Frauen in El Salvador stammen fast alle aus armen Verhältnissen, sie haben keine Bildung und hatten keinen oder wenig Zugang zu medizinischer Versorgung. Sie trafen auf Staatsanwälte und Richter, die ihre Fälle unzureichend untersucht haben, die Beweise gegen die Frauen waren schwach und ihre Verteidigung schlecht. Laut Gesetzgebung muss jede Schwangerschaft ausgetragen werden, auch wenn die körperlichen und psychischen Folgen verheerend sind. Verhütungsmittel und sexuelle Aufklärung sind für Frauen nicht zugänglich und somit können sie sich auch weiterhin nicht selbst schützen. Trotzdem werden Frauen und Mädchen dafür bestraft, wenn während ihrer Schwangerschaft medizinische Komplikationen auftreten.

Das absolute Abtreibungsverbot in El Salvador ist ein Skandal. Es diskriminiert Frauen und tritt ihre reproduktiven Rechte mit Füßen. Im November 2014 kam eine der 17 Frau frei, deren Haftzeit abgelaufen war, Guadalupe wurde im Januar 2015 nach einer zweiten Anhörung begnadigt. Die anderen 15 Frauen sitzen weiterhin im Gefängnis. Guadalupe wurde zwar freigelassen, ihr Urteil wurde aber nicht aufgehoben: Als Kindesmörderin muss sie nun weiter in einer Gesellschaft leben, die ihr das Recht nimmt, über ihren eigenen Körper zu entscheiden.

Auch in Deutschland wird ein Schwangerschaftsabbruch mit Freiheitsstrafe bedroht, allerdings gelten bei uns Ausnahmeregelungen: Straffrei bleibt, wer sich innerhalb von drei Monaten beraten lässt, wenn eine Gefahr für das Leben oder die körperliche oder seelische Gesundheit der Schwangeren besteht oder wenn es sich um eine Vergewaltigung handelt. Aber sogar im aufgeklärten Deutschland gelten Schwangerschaftsabbrüche als Tabu, obwohl statistisch gesehen fast jede sechste Frau abgetrieben hat. Einige Frauen fühlen sich nach einer Abtreibung schuldig, manche trauern, mittlerweile sprechen Fachleute auch vom 'Post Abortion Syndrom' (Nach-Abtreibungs-Syndrom). Aber längst nicht jede Frau ist davon betroffen: Die meisten Frauen sind erleichtert.

Anzeige