Favela-Tourismus: Isabelle führt Touristen durch Armutsviertel Rios

Nervenkitzel reizt Touristen an Favela-Führungen

In den Slums von Rio de Janeiro bietet Auswanderin Isabelle Erdmann nicht nur Zimmer an: Die 35-jährige Berlinerin führt Touristen durch die Favelas, die Armutsviertel der Stadt. Einmal Abenteuer und wieder zurück in die Zivilisation.

Favela-Tourismus: Isabelle führt Touristen durch Armutsviertel Rios

Die 35-jährige Berlinerin Isabelle lebt in Rio de Janeiro, seit sie vor sechs Jahren ausgewandert ist. Sie wohnt jedoch nicht dort, wo es die meisten Touristen hinzieht, sondern in einer der zahlreichen Favelas. Und damit dort, wo es nicht nur rund um die WM heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei gibt.

Obwohl sie im achten Monat schwanger ist veranstaltet Isabelle Touristen-Touren durch die Armutsviertel. Das Geschäft boomt zur WM, denn gerade deutsche Touristen wollen ein bisschen mehr als Strand und Fußball sehen. „Man weiß, dass hier ganz viele Drogendealer sind und jeder zweite hat wahrscheinlich eine Waffe. Aber das ist der Nervenkitzel, den man hier durchmacht“, erzählt Touristin Julia Armend.

Damit es nur bei dem Nervenkitzel bleibt, will die Regierung jetzt noch schnell handeln. Denn die Kriminalität in den Favelas ist noch zu hoch. Immer wieder gibt es heftige Auseinandersetzungen. Pünktlich zu den ersten Spielen sollen die Favelas friedlich werden. Dafür soll ausgerechnet die Militärpolizei sorgen. „Unsere Operation passiert in zwei Schritten. Zunächst besetzen wir die Favelas. Dazu sind wir dann bis an die Zähne bewaffnet. Was dann passiert ist am besten mit einem Krieg zu vergleichen“, erklärt einer der Polizisten.

Um uns zu zeigen, wie friedlich einige Favelas durch solche Besetzungen schon sind, hat man unseren Reporter Sven Schümmer in eine angeblich schon befriedete Favela eingeladen. Uns fällt gleich auf: Außer unserem Reporter trägt jeder Polizist eine schusssichere Weste. Auf unsere Nachfrage nach der Sicherheit vor Ort will uns eine Polizistin beschwichtigen: „Die Favela ist überhaupt nicht mehr gefährlich. Diese Waffen haben wir nur für den Fall, das was sein sollte. Hier gibt es keine Kriminellen mehr. Aber man weiß ja nie was passiert.“ Und deshalb geht’s auch mit dem Finger am Abzug auf Patrouille.

Isabelle Erdmann wohnt seit sechs Jahren in dieser Favela. Ihr ist bisher nichts passiert, denn ihr Ehemann ist einer der Favela-Chefs. Sie verdient ihr Geld mit Touristenführungen durch die Favelas. Für umgerechnet 30 Euro darf jeder einmal ein bisschen Armut sehen. Und natürlich darf sich jeder einmal mit einem Original Favela-Bewohner fotografieren lassen. Doch solche Fotos können auch daneben gehen. Zum Beispiel, wenn man aus Versehen einen Drogendealer knipst. Touristenführer Patrice Materni hat das schon erlebt: „Die Touristen haben zufällig den Drogenumschlagsplatz gefunden und ein Foto gemacht. Die Reaktion war schlecht, aber sie haben überlebt.“

Pünktlich zur WM wird Isabelles neues Favela-Hostel fertig sein. Ein einfaches Zimmer in Rio kostet dann zehn Mal weniger als ein Hotel. Trotzdem können wir diese Schnäppchen-Zimmer in Rios Slums nur eingeschränkt empfehlen. Aber wer das Abenteuer sucht, der wird in Rio de Janeiro garantiert fündig.

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