Fashion Revolution: Was ist Ihnen Ihre Mode wert?

'Made in Europe'?

Diesen Moment liebe ich: Vor mir auf dem Tisch liegen die Klamotten ausgebreitet, die ich mir gerade gekauft habe. Jetzt werde ich alles noch einmal in die Hand nehmen, mich über jedes neue Stück freuen und mit einer kleinen Nagelschere all die Etiketten rausschneiden, die inzwischen ja oft das Format eines dünnen Taschenbuchs haben.

Von Ursula Willimsky

Aber: Diesmal weicht die Euphorie über die Schnäppchen und die Teile, die ich mir gegönnt habe, obwohl sie eigentlich zu teuer sind, ganz schnell einer Katerstimmung. Alles nur, weil auf dem Etikett des neuen Hoodys 'Made in Europe' steht (und der war vom Preis her – das einzige, worauf ich offenbar geachtet habe - völlig okay. Kein gewissensberuhigender 'bewusster' Alibi-Kauf also). Ich kontrolliere schnell die anderen Einkäufe: Ja. Der Rest kommt aus den üblichen Herstellungsländern – sowohl die teuren als auch die "Ach, für den Preis nehm´ ich das auch noch!"-Teile. Meine Herren! Bewusstes Einkaufen sieht anders aus.

Ich müsste es nicht nur besser wissen. Ich weiß es besser. Und ich behaupte mal: Seit 2013 bei einem Brand in einer Textilfabrik in Bangladesh 1.132 Menschen starben, wissen es eigentlich alle: Jeans, T-Shirts, Blusen und Pullis werden meistens nicht da genäht, wo das Arbeiten angenehm, nach westlichen Maßstäben menschenwürdig oder existenzsichernd ist.

Immerhin wurde vor einem Jahr der gesetzliche Mindestlohn in diesen Nähereien von 28 auf 50 Euro erhöht. Im Monat wohlgemerkt. Und es wird stärker auf Sicherheitsvorschriften geachtet.

Aber spricht das mich als Konsumentin davon frei, einfach mal das Hirn – und auch das Herz – einzuschalten, statt hemmungslos auf Shopping-Tour zu gehen? Wohl eher nicht.

Die Organisation Fashion Revolution macht gerade mit einem bewegenden Experiment auf die Missstände bei der Textilproduktion aufmerksam. Die Versuchsanordnung ist einfach: Auf einem belebten Platz steht ein Automat: 'T-Shirts für 2 Euro!'. Wer sich von diesem Supersonderpreis locken lässt – und das sind viele – bekommt nach dem Münzeinwurf allerdings kein Billig-Shirt sondern Informationen über die Näherinnen. Die schuften 16 Stunden am Tag – und verdienen 13 Cent in der Stunde.

Nach dem Film kann man sich dann entscheiden: Das T-Shirt kaufen – oder die 2 Euro spenden. In dem Fall wüsste ich natürlich, was ich tun würde.

"Ich will ab jetzt nicht nur die Pflegehinweise lesen"

Aber in der Realität, also im Klamottenladen, läuft ja nur selten neben den Kleiderständern ein Video, das über die Herstellungsbedingungen des jeweiligen Objekts der Begierde informiert. Da muss man als mündige Konsumentin dann schon selber dran denken.

Ein schlichter Preisvergleich nutzt allerdings wenig: Experten gehen davon aus, dass der Lohn der Näherinnen nur einen winzigen Bruchteil des Ladenpreises ausmacht. Würden sie das Doppelte verdienen, wäre die Jeans trotzdem nur einen Euro teurer.

Mit unserem Geld finanzieren wir vor allem Dinge wie Werbung, Ladenmieten, Transport, eine höhere Qualität des Stoffes, das Image eines Labels oder was auch immer.

Wertschöpfungskette nennt mal so was – und die Lohntüten der Näherinnen sind auf dieser Kette nur verschwindend kleine Perlchen. Bei Billigmarken genauso wie bei teuren Labels.

Natürlich könnte man auch seine Klamotten konsequent fair einkaufen. Gerade im Internet gibt es eine Fülle entsprechender Shops. Und fast noch mehr Siegel, die für anständige Produktionsbedingungen stehen. Aber das ist natürlich anstrengend. Und das Einkaufserlebnis kommt dabei irgendwie zu kurz: "Jetzt gehen wir noch schnell da rüber, die haben so tolle Longsleeves, aber danach setzen wir uns in ein Café" geht im Netz halt nicht. Und fühlen und anprobieren kann man all die schönen Sachen eben auch nicht.

Und schon wird’s schwierig: Zumindest in meiner bevorzugten Fußgängerzone wüsste ich auf Anhieb keinen Laden, in dem ich wirklich guten Gewissens einkaufen könnte. Und wenn, gäb´s wahrscheinlich nur einen – und wenn mir da dann der Schnitt oder der Stil der Klamotten nicht passen?

Das sind teilweise natürlich nur Ausreden, etwa auf demselben Niveau, das mich dazu bringt, abends trotz besserem Wissens vorm Fernseher Chips statt Gurkenschnitze zu knabbern.

Aber es ist so unglaublich schwer, konsequent zu sein! Deshalb habe ich mir nur vorgenommen, ab jetzt öfter daran zu denken, dass ich als Konsumentin die Macht – sprich das Geld – habe und damit in letzter Konsequenz mitbestimme, was in den Läden auf den Kleiderbügeln hängt. Heißt: Ich will ab jetzt nicht nur die Pflegehinweise auf den Etiketten lesen, sondern auch all die anderen Siegel, Infos und das 'made in …' Und zwar vor dem Kauf.

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