Fall Titouan: Ab wann ist man ein Mensch? So ist die rechtliche Situation in Deutschland

Fall Titouan: Ab wann ist man ein Mensch? So ist die rechtliche Situation in Deutschland
Frühchen galten noch vor kurzem erst ab einem Gewicht von 500 Gramm als Menschen. © picture alliance / ZB, Britta Pedersen

Sterbehilfe für Frühchen Titouan wurde genehmigt

Der Fall des kleinen Titouan bewegt Menschen auf der ganzen Welt: Das vier Monate zu früh geborene Frühchen wurde inzwischen von seinem Leid befreit. Davor kämpften seine Eltern darum, die lebenserhaltenden Maschinen abschalten zu dürfen. Das hat nicht nur eine ethische, sondern auch eine rechtliche Diskussion ausgelöst: Ab wann gilt eine Frühgeburt als Mensch? So sieht die Situation in Deutschland aus.

Zygote, Morula, Blastozyte, Embryo, Fötus: Alle diese Begriffe sind letztendlich Bezeichnungen für das gleiche Lebewesen, nämlich ein heranwachsendes Kind. Als Embryo gilt das Kind ab der dritten Schwangerschaftswoche, ab der elften wird es als Fötus bezeichnet. Eigentlich spricht man erst ab der Geburt dann von einem Menschen. All das sind rein zeitliche Unterscheidungen – größere Meilensteine in der frühkindlichen Entwicklung gibt es so nicht, die Entwicklung verläuft eher stetig. Ähnlich sieht es mit der Bezeichnung als Frühgeburt, also dem umgangssprachlichen Frühchen, aus: Wird das Baby vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren, wird unabhängig von der Entwicklung von einer Frühgeburt gesprochen.

Dementsprechend unverständnisvoll reagieren viele Menschen auf Bestimmungen, die Früh-, aber auch etwa Fehlgeburten angehen: Eine Abtreibung ist in Deutschland zum Beispiel in der Regel bis zur 12. Schwangerschaftswoche erlaubt – im Falle einer festgestellten Behinderung des Kindes kann sie auch später erfolgen. Ist die Gesundheit der Schwangeren bedroht, ist der Schwangerschaftsabbruch bis zum Ende der Schwangerschaft möglich.

Der frühestgeborene Mensch ist die in Fulda geborene Frieda – sie kam bereits in der 21. Schwangerschaftswoche im Jahr 2010 zur Welt und entwickelt sich seitdem gesund. Dieses – zugegebenermaßen extreme – Beispiel verdeutlicht, dass selbst extreme Frühgeburten lebensfähig sein können. Ein ähnliches Beispiel ist der als Oldenburger Baby bekannt gewordene Tim, der 1997 wider Erwarten seine eigene Abtreibung in der 25. Schwangerschaftswoche überlebt hat – seine leibliche Mutter konnte sich ein Leben mit einem behinderten Kind nicht vorstellen. Heute lebt er in einer Pflegefamilie.

Die Bestimmung der Zeiträume sorgt bei manchen für Verwirrung: Zum Beispiel wenn sie einen abgetriebenen Fötus aus der 20. Schwangerschaftswoche sehen, der letztendlich wie ein kleineres, aber durchaus lebensfähiges Baby aussieht. Die rechtliche Begründung für die Wahl der Zeiträume von 12 beziehungsweise 20 Wochen hat keine biologischen Hintergründe: Zum Beispiel ist der Herzschlag des Embryos in der Regel schon in der sechsten Schwangerschaftswoche erkennbar. Die drei beziehungsweise fünf ersten Monate sollen lediglich als Entscheidungszeit für die schwangere Frau oder die Eltern dienen.

Sind Sternenkinder Menschen?

Ähnlich abstrakte Regeln galten noch vor kurzem im Falle von so genannten Sternenkindern, also tot geborenen Kindern, die bei einem Gewicht von unter 500 Gramm zusammen mit dem Klinikmüll entsorgt wurden – eine Beerdigung war bis zum Jahr 2012 nur in Ausnahmen möglich, da totgeborene oder kurz nach der Geburt verstorbene Kinder keine Geburts- oder Sterbeurkunde bekamen. Erst seit 2013 können auch Eltern von tot geborenen Kindern, die die 500 Gramm nicht erreicht haben, standesamtlich eintragen lassen.

Trotz allem sind die Bestimmungen in Deutschland immer noch mehr auf den Schutz des Lebens des Kindes fixiert als in vielen anderen Ländern. Titouan aus dem französischen Poitiers wäre, wenn er in Deutschland geboren worden wäre, jedenfalls wahrscheinlich noch am Leben: Hierzulande reicht nämlich eine Einwilligung der Angehörigen nicht aus, um einem Patienten die lebenserhaltenden Geräte abzuschalten. Zusätzlich dazu ist eine Einwilligung des Vormundschaftsgerichts erforderlich. Rechtlich gesehen können auch Ärzte – auch gegen den Willen der Angehörigen – eine gerichtliche Entscheidung über die Beendigung der lebensverlängernden Maßnahmen herbeiführen. Dazu muss der Patient allerdings bereits hirntot oder ein selbstbestimmtes Leben für ihn ausgeschlossen sein.

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