ELTERN-KOLUMNE ELTERN-KOLUMNE

Erziehungstipps aus Paris: Machen französische Mütter alles besser?

Erziehungstipps aus Paris: Machen französische Mütter alles besser?

Erziehungstipps aus Paris: Ein elterlicher Blick ins Nachbarland

Bücher über Kindererziehung gibt es in allen Farben, Formen und pädagogischen Richtungen zu kaufen. Neulich ist mir ein besonders amüsantes Werk in die Hände gefallen: "Was französische Eltern besser machen", von Pamela Druckerman. Ein zunächst etwas provokanter Titel: Soll das heißen, wir "machen" es, also die Kindererziehung, schlechter? Was machen denn die Franzosen denn so anders als wir?

Von Sandra Bohlender

"Über 100 verblüffende Erziehungstipps aus Paris" heißt es vielversprechend schick im Untertitel. Nun ja, man lernt nie aus - und gute Tipps kann man ja immer brauchen. Wer würde als Mutter schließlich behaupten, die Erziehung der eigenen Kinder verliefe reibungslos, vorbildlich und stets erfolgreich? Also habe ich mir die 100 kurz und leicht verständlich formulierten Tipps einmal durchgelesen und Erstaunliches gefunden: Angeblich entkommt man mithilfe dieses Regelwerks durchwachten Nächten, Quengelei am Esstisch und spontanen Trotzanfällen. Mein Interesse war geweckt.

Schon die Geburt verläuft in Frankreich angeblich anders: "Für Franzosen ist das Kinderkriegen keine heldenhafte Reise ins Reich der Schmerztoleranz" (S. 29 - das heißt, eine Geburt ohne PDA ist für Französinnen kaum vorstellbar). Und auch sonst wird der Nachwuchs schon früh als vernunftbegabtes Individuum respektiert, aber nicht übermäßig bemuttert. Aber bei dem Tipp, dass man das Baby nach der ersten durchgeschlafenen Nacht loben und auch davon ausgehen soll, dass es das Lob auch versteht, wurde ich dann doch etwas stutzig. Außerdem sind französisch Eltern "höflich" zu ihren Babys, da es angeblich nie zu früh sei, dem Nachwuchs gute Manieren zu vermitteln. Ein Knigge für Säuglinge?

Richtig interessant wurde es bei den Erziehungstipps zum Thema Essen: Französische Eltern gehen davon aus, dass Kinder alles essen sollten, was die Erwachsenen auch essen - oder es zumindest probieren müssen. Man sollte die Kinder wie kleine Gourmets behandeln - dann werden sie auch solche werden. Sofern man das überhaupt will. Gut, angesichts meines kleinen chronischen Nahrungsverweigerers zu Hause (mein Sohn), ist die Vorstellung, dass alles gegessen wird, was auf den Tisch kommt, verlockend. Mein Vater versuchte das damals auch mit mir - mit Erfolg. Mit dem kleinen Nebeneffekt, dass ich mir dann als Siebenjährige mit traumwandlerischer Sicherheit immer das Teuerste auf der Speisekarte ausgesucht habe, was ihm dann auch wieder nicht recht war. Aber Gambas vom Grill sind eben viel leckerer, als die Fischstäbchen vom Kinderteller!

Kleine charmante Goumets

Die Autorin dieses Buchs scheint überhaupt über die Maßen von französischem Essen fasziniert zu sein - immerhin hat sie den gesamten Wochenspeiseplan einer Pariser Kita in ihrem Buch abgedruckt. Duchaus imposant: Schon im zarten Alter von 12-18 Monate gibt es dort für die Kleinen exquisite Vier-Gänge-Menüs, die man bedenkenlos auch in Pariser Bistros auf die Karte setzen könnte - übrigens inklusive Käsegang. Bei dem Gedanken, was mein Sohn damit damals in seiner Kita veranstaltet hätte, musste ich schmunzeln. Nun gut, die Dame wohnt in Paris - die Kitas in den Vorstädten servieren vielleicht etwas anderes.

Vielleicht erwähnenswert: Pamela Druckerman ist US-Amerikanerin und lebt mit ihrem englischen Ehemann in Paris. Angesichts der angloamerikanischen Esskultur erklärt sich vielleicht die Lobeshymne auf die französische Küche.

Weiter geht es in dem Buch: Eine französische Mutter managt ihr Familienbusiness souverän und immer topgestylt. Man sollte ihr grundsätzlich nicht ansehen, dass sie Mutter ist - das heißt, sich "nur" praktisch oder nachlässig kleiden, geht gar nicht. Nun, ich muss zugeben: Ich nehme mir gern die Freiheit, auch mal ungeschminkt zum Bäcker zu gehen, ohne dass mein Selbstbewusstsein als Frau ernsthaft Schaden nimmt.

Eine Freundin von mir lebt in Frankreich mit einem Franzosen zusammen, mit dem sie auch ein Kind hat - eine zweijährige Tochter. Sie erzählte mir, dass sie schon aufgrund der Tatsache, dass sie ihr Kind neun Monate gestillt hat, von ihren französischen Freundinnen als eine Art Alien angesehen wurde. Schließlich gibt die moderne französische Frau ihr Kind nach spätestens drei Monaten in die Kita ab. Wenn sie vorher überhaupt gestillt hat, denn das schadet schließlich dem Busen. Und öffentlich Stillen ist in Frankreich sowieso nicht so wirklich hoch angesehen, wenn gar unmöglich.

Meine Freundin erzählte mir auch, dass man in Frankreich schräg angesehen wird, wenn das eigene Kind im Supermarkt einen Trotzanfall hat - wenn man es dagegen ohrfeigt, ist die Empörung nicht so groß. Da bin ich dann doch froh, dass es bei uns eher umgekehrt ist.

Übrigens: Laut einer Studie der Suchtstoffkontrollbehörde der UNO (International Narcotics Control Board) nimmt jede vierte Frau in Frankreich regelmäßig Psychopharmaka. Eine Bekannte von mir ist Pharmareferentin und konnte diesen eher laxen Umgang der Französinnen mit Stimmungsaufhellern nur bestätigen. Soviel zum Thema "immer souverän und topgestylt". Dann doch lieber mal ungeschminkt und in Jogginghose zum Bäcker!

Anzeige