FAMILIE FAMILIE

Erziehungsappell als Poster - so nicht! Denn Eltern UND Lehrer sind für unsere Kinder verantwortlich

Schüler hören ihrem Lehrer in einer Klasse zu.
Lehrer vermitteln nicht nur Wissen - sie sollen auch Werteorientierung bieten. © dpa, Julian Stratenschulte

Ein Kommentar von Sebastian Wieseler

Es ist ein Hilferuf in Form eines Posters, doch er greift zu kurz: Eine Schule appelliert an Eltern, sie seien für die Erziehung ihrer Kinder zu Hause verantwortlich. Lehrer können sich allerdings nicht hinter der reinen Vermittlung von Fachwissen verstecken. Schon gar nicht, während Kinder immer mehr Lebenszeit in der Schule verbringen.

Auf dem Poster, das sich in den sozialen Medien verbreitet und einer portugiesischen Schule zugeschrieben wird, haben Lehrer ihre Forderungen an die Eltern niedergeschrieben: magische Wörter wie "bitte" und "danke" verinnerlichen, ehrlich sein, pünktlich kommen und auf Sauberkeit achten. All das seien Sachen, die Kinder zu Hause erlernt haben sollten.

"Gute Kinderstube" ist nicht alles

Natürlich ist bei der Einschulung längst der Unterschied zu sehen: Zwischen zurückhaltend-höflichen Kindern und jenen, die keine Grenzen kennen. Die Grundlagen der Erziehung müssen schon im jüngsten Alter - also zu Hause von den Eltern - vermittelt werden.

Doch wenn die Grundschüler eben keine "gute Kinderstube" genossen haben, wird das oft mit mahnendem Zeigefinger angeprangert. Hilft dann ein Plakat mit der Aufforderung an Eltern ihre Kinder besser zu erziehen? Nein! Eltern, die ihren Sprösslingen vor Schulanfang Werte wie Respekt und Ehrlichkeit nicht vermittelt haben, werden durch ein Plakat mit der Ansprache "LIEBE ELTERN" in dicken, roten Lettern nicht den Umgang mit den Kindern überdenken.

Lehrer sind mehr als Wissensvermittler

Statt eines Plakats wäre dort die Zusammenarbeit mit den Eltern sicher der erfolgsversprechendere Weg. Niemand lässt sich gerne in einer Liste aufzeigen, was er falsch macht. Und gerade für Eltern ist harsche Kritik an den eigenen Kindern und somit der Erziehung in dieser Form sicher nicht zielführend.

In der idealen Bildungswelt wirken Lehrer und Eltern zusammen. In Gesprächen vermitteln die Pädagogen den Müttern und Vätern, woran sie mit den Kindern arbeiten und was zu Hause dafür getan werden sollte. Im deutschen Bildungssystem mit seinen bekannten Schwächen wie dem Lehrermangel fehlt es dafür an allen Ecken und Enden.

Dass die Hauptverantwortung für die Erziehung bei den Eltern liegt, steht außer Frage.Doch die Jungen und Mädchen verbringen so viel Zeit in den Schulen, dass auch dort Werte und Grundregeln vermittelt werden müssen. Und zwar viele von den Dingen, die in Portugal auf ein Mahnposter des ewigen Lehrer-Eltern-Konflikts geschrieben wurden.

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