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Erdogan will Abtreibungsrecht verschärfen

Erdogan verschärft Abtreibungsrecht: Frauen gehen auf die Straße
Erdogan enfacht neuen Streit über verschärftes Abtreibungsrecht © REUTERS, OSMAN ORSAL

Erdogan entfacht Streit über Abtreibungsrecht

Der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan gilt generell nicht gerade als Mister Superliberal, aber bislang hat er seine erzkonservativen Vorstellungen glücklicherweise vor allem innerhalb der eigenen Partei zum Besten gegeben. Nun ging er jedoch mit einem Vorschlag an die türkische Öffentlichkeit, die viele Frauen im Land er- und aufschreckte: Er will Abtreibungen quasi verbieten lassen!

Von Merle Wuttke

„Abtreibung ist Mord“, behauptet er und will ein neues Gesetz schaffen, das, das bisherige Abtreibungsrecht verschärft und aushebelt: Statt wie bislang in den ersten zehn Wochen, soll ein Abbruch nur noch in den ersten vier bis fünf Wochen straffrei möglich sein. Also in einem Zeitraum, in dem man meistens noch gar nicht weiß, ob man überhaupt schwanger ist. Auch eine Vergewaltigung soll demnach demnächst kein Grund mehr sein, um eine Schwangerschaft abbrechen zu können. Die türkischen Frauen sind auf angesichts dieser Aussichten auf hundertachtzig und gingen am Wochenende auf die Straße.

Abtreibungsrecht und Frauenschutz katastrophal

Aber auch Ärzte protestieren gegen den Vorschlag: Sie befürchten mit einer schärferen Regelung würde sich die Anzahl der Frauen, die bei einem Abbruch sterben drastisch erhöhen, da viele zu unqualifizierten „Engelmachern“ ausweichen würden, um eine Abtreibung vornehmen zu lassen.

Denn obwohl in der modernen Türkei viele Frauen immer noch unter patriarchalischen Strukturen leiden, gibt es zumindest bislang ein recht liberales Abtreibungsgesetz, das Frauen eigenverantwortlich und selbst bestimmt entscheiden lässt, ob sie ein Kind austragen oder nicht.

Offenbar zu viel des Guten für einen Mann wie Erdogan. Er will, dass sein Land jung bleibt für den Arbeitsmarkt und konkurrenzlos für die Wirtschaft, und dafür braucht er - genau - viele, viele Babys. Sein Rat an die Frauen lautet deshalb: Setzt drei, besser noch fünf Kinder in die Welt! Ob gewollt oder ungewollt scheint da keine Rolle zu spielen. Hauptsache, die Weiber sind beschäftigt, stören die Männer nicht bei ihrer wichtigen Arbeit und der Staat kriegt genug Nachwuchs. Wer weiß, vielleicht überreicht Erdogan dann irgendwann auch noch einen Orden an die Frau Mama, wenn das fünfte Kind in der Wiege liegt... Hach, kennen wir aus Deutschland alles schon, und kleiner Tipp am Rande, Herr Premier: Wie unsere Geschichte gezeigt hat, war das damals keine besonders gute Idee...

Bleibt abzuwarten, ob Erdogans Töchter Esra und insbesondere Sümeye, die in den USA Politikwissenschaften studierte und als politisch ambitioniert gilt, den Vorschlägen ihres Vaters kritiklos folgen und ihn zum Patriarch einer Großfamilie machen.

Ach ja, zur Info: Etwa ein Drittel der Türkinnen erlebt in der Familie Schätzungen zufolge Misshandlungen und Gewalt, bei 70 Millionen Einwohnern existieren nur ungefähr vierzehn Frauenhäuser im ganzen Land…

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