ERZIEHUNG ERZIEHUNG

Empathie macht krank: Einfühlsame Eltern schaden ihrer Gesundheit

Gute Eltern, die sich in das Kind hineinfühlen, seien häufiger krank.
Das besagt eine neue Studie. Aber wie kann man eine gute Mutter sein ohen sich dabei selbst aufzuzehren? Unsere Autorin weiß Rat.

Gute Eltern - schlechte Gesundheit?

"Gute Eltern zerstören ihre eigene Gesundheit." Lässt man eine aktuelle Studie der Northwestern University auf ein paar Worte zusammenschnurren, hat man am Ende auf seinem Bildschirm diesen Satz stehen. Wissenschaftlich gesehen ist diese These vermutlich alles andere als korrekt und sehr verallgemeinernd - aber als Sprungbrett für einen Flachköpper in das Haifisch-Becken namens "Was macht eine gute Mutter aus?" taugt sie allemal. Vor allem, weil die Autorin der Studie selbst den Wunsch äußerst, dass Eltern "wieder lernen sollten, auch auf sich selbst zu achten."

Von Ursula Willimsky

Ach ja. Da war ja noch was, neben all dem Driss im Job und all den Mutterpflichten. Nämlich die Mutter als solches. Ein Wesen, der zusehends von Ansprüchen, Anforderungen und Unsicherheiten gebeutelt wird. Ein anständiges Essen kochen, Hausaufgaben kontrollieren und sich Freitag Nachmittag Zeit für ein paar Runden Mensch-Ärgere-Dich-Nicht nehmen: Die Zeiten, in denen an Mama diese Basis-Anforderungen gestellt wurden und alles andere schon als Extraportion Zuwendung galt, sind nun mal vorbei.

Heute muss die Erziehungsberechtigte – genau lesen: sie ist berechtigt, was nicht heißt, dass sie dazu 24 Stunden am Tag verpflichtet ist – sich nebenher auf dem aktuellsten Stand der pädagogischen und psychologischen Forschung halten, um das Anforderungsprofil des Mutter-Jobs erfüllen zu können.

Irgendwelche Befehle ins Kinderzimmer zu bellen ("Räum sofort auf!", "Bring den Müll runter!") ist, so glauben wir beobachtet zu haben, als Erziehungsstil derzeit nicht soo angesagt. Als einfühlsame Mutter setzt man sich da besser ganz partnerschaftlich mit dem Kind hin und erarbeitet gemeinsam eine To-do-Liste. So was hilft dem Kind ja auch, wenn es sich später im Berufsleben zurechtfinden muss.

Das Kind ist oft der Mittelpunkt der Familie, es ist Dreh-, Angel- und Fokussierungspunkt eines Systems, in dem schon mal Tante Ernas Geburtstag hinten über kippt, weil der Nachwuchs einen anderweitigen Nachmittagstermin hat. Es will ja gefördert werden, damit es sein ganzes Potenzial entdecken und nutzen kann. Und wenn das Kind Mist baut oder sich eben nicht wie gewünscht entwickelt, ist – klar – das Elternhaus schuld, das sich vermutlich zu wenig Zeit für das zarte Pflänzchen genommen hat.

Folgerichtig gehört zur Erziehungsarbeit auch, dass man ganz, ganz, ganz einfühlsam mit dem Kinde umgeht und Elternschaft quasi auf Augenhöhe praktiziert. Was tatsächlich sehr schön und für das Wohl des Kindes auch immens wichtig ist. Was aber auch eine Kehrseite hat: Zu viel der Empathie kann anscheinend die Eltern krank machen. Das legt zumindest die Studie aus Illinois nahe.

Zeit nehmen - auch für sich selbst!

Konkret wurden dort Familien untersucht, in denen Kinder unter Depressionen litten. Ergebnis: Je einfühlsamer die Eltern, desto einfühlsamer die Kinder. Zudem zeigten sie weniger aggressives oder depressives Verhalten. Eltern, die bewusst versuchten, auf die Gefühle ihrer Kinder einzugehen, verfügten zudem über eine größere Selbstachtung. Die Folgen der Belastungen zeigten sich bei ihnen jedoch in ihrer körperlichen Gesundheit: Wenn die Kinder unter psychischen Belastungen litten, war bei empathischen Eltern das Immunsystem angegriffen. Ein Effekt, den man auch von Personen kennt, die sich um chronisch Kranke kümmern.

Mögliche Ursachen, so die Studie: Zu wenig Schlaf. Zu wenig Sport. Zu wenig Ventile, um den eigenen Stress abzubauen. Fazit: Es sei alles andere als egoistisch, auch als Eltern ab und zu mal an die eigene Gesundheit und das eigene Wohlergehen zu denken.

Wir finden: Diesen Satz sollten sich auch Eltern hinter die Ohren schreiben, deren Kinder sich nicht in einer besonders belastenden Situation befinden. Denn Leben und Elternschaft fordern ja auch sehr viel ab, wenn das Leben scheinbar rund läuft. Allein schon, weil soziales Umfeld und auch die Mama selbst häufig ihren Erfolg im möglichst störungsfreien Gedeihen der Brut messen. Die Kinder einfach mal irgendwas machen lassen, weil man selbst jetzt in Ruhe auf dem Sofa die Zeitung lesen oder ein Nickerchen machen will – hui. Schwer. Wer mag schon faul rumflätzen, wenn im Hinterkopf der Gedanke pocht, dass dieses Verhalten jetzt aber schon ziemlich egoistisch ist. Schließlich könnte man den Nachmittag ja auch als "Qualitätszeit" mit den Kindern verbringen …

Stop! Zeit für den guten Vorsatz, den wir aus der US-Studie ziehen: Ab jetzt wollen wir ein bisschen Qualitätszeit auch mit uns selbst verbringen. Tut uns gut – und wer weiß? Vielleicht findet das Kind es ja auch mal toll, sich so richtig nach Herzenslust zu langweilen oder etwas zu machen, was Mutti trotz aller Empathie so genau gar nicht wissen will.

Anzeige