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Elternliebe: Was tun, wenn das Kind unmoralisch handelt?

Elternliebe: Mutter tadelt ihre tochter
Elternliebe: Wenn das Kind falsch handelt, muss man darüber sprechen © Anna Bizon

Lügen, mobben, stehlen – was tun, wenn das Kind sich falsch verhält?

Elternliebe ist bedingungslos und nirgendwo fühlen sich Kinder in der Regel so sicher wie zu Hause. Aber was ist, wenn Tochter oder Sohn sich nicht so verhalten wie es richtig ist? Was, wenn sie lügen oder stehlen? Andere verletzen? Muss Elternliebe wirklich alles akzeptieren?

Von Merle Wuttke

"Ich bin immer für Dich da. Egal, was Du auch tust": Jeder, der ein Kind hat, hat diesen Satz schon einmal gesagt. Diesen Satz, der alles ausdrückt wofür Familie steht: Liebe, Verbundenheit und – Vertrauen. Diesen Satz, der in aller Deutlichkeit sagt, was wir uns alle wünschen: Das da immer jemand an unserer Seite ist, auf den wir zählen können und der zu uns steht. Der uns nicht fallen lässt. Auch dann nicht, wenn wir Dinge getan haben, die andere verletzt haben. Für Eltern ist dieser Satz eine Selbstverständlichkeit.

Eigentlich. Denn keine Mutter oder Vater kann sich vorstellen, dass eigene Kind allein zu lassen, wenn es Mist gebaut hat. Auch nicht bei richtig großem Mist. Und egal, ob richtig oder falsch, jedes Elternteil versucht zunächst einmal, das eigene Kind zu schützen und es aus der Situation heraus zu bringen, in das es sich dummerweise selbst hinein gebracht hat. Das gehört nicht zum guten Ton – das ist Elternpflicht. Aber wie weit geht diese Pflicht? Wie sehr darf man als Mutter oder Vater die moralischen Grenzen ausdehnen, um das unkorrekte Verhalten des eigenen Kindes zu rechtfertigen? Wie soll man reagieren, wenn Tochter oder Sohn gestehen, dass sie einen Schulkameraden fies gemobbt haben? Oder Noten gefälscht? Der geliebten Oma das Geld aus dem Portemonnaie gestohlen haben? Gilt hier tatsächlich noch der Grundsatz des unbedingten Füreinander-Daseins? Oder müssen Eltern bei drastischen Verfehlungen, die eindeutig andere in deren Gefühlen und Rechten verletzen, nicht genau dann von ihrem Grundsatz abweichen und sich vom Kind distanzieren?

Bedingungslose Liebe heißt auch Grenzen zeigen

Vielleicht liegt die Lösung genau dazwischen. Vielleicht bedeutet bedingungslose Liebe manchmal auch, dem Kind die eigenen Grenzen aufzuzeigen. Deutlich zu machen, an welcher Stelle elterliche Fürsorge keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Zu sagen: „Ich liebe Dich nach wie vor, aber das was Du hier getan hast, kann und will ich nicht akzeptieren. Ich kann Dich unterstützen es wieder in Ordnung zu bringen, aber den Weg musst Du dennoch dieses Mal allein gehen.“ Ist das Verrat am Kind? Nein, wohl eher ein Zeichen von Liebe.

Kinder oder auch manchmal noch Jugendliche sind oft noch unsicher, wann es etwas als moralisch richtig oder falsch einzuschätzen ist. Sie werden oft in Situationen gedrängt, deren Ende sie selbst gar nicht überblicken können. Weil Freunde oder Ängste sie dazu bringen, Dinge zu tun, von denen sie nur ahnen, dass sie nicht in Ordnung sind. Und in ganz seltenen, extremen Fällen müssen Eltern ihr Kind auch vor sich selbst schützen. So wie jetzt in dem schrecklichen Fall des Kindermörders Silvio S., in dem die Mutter der Polizei den entscheidenden Hinweis gab. Damit hat sie die Verantwortung für das Handeln ihres erwachsenen Kindes übernommen, etwas, zu dem der eigene Sohn nicht in der Lage war. Auch das nennt man Elternliebe.

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