#EineArmLaenge: Wie können Frauen sich vor Gewalt schützen?

Selbstverteidigung im Test
Selbstverteidigung im Test Kann Kampfsport wirklich helfen? 00:05:46
00:00 | 00:05:46

Es geht nicht um Schuldzuweisungen.

Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker erntet im Netz Kübelweise Hohn und Spott. Der Grund: Auf einer Pressekonferenz war sie gefragt worden, wie sich Frauen vor Gewalt, wie sie in der Kölner Silvesternacht auftrat, schützen könnte. Und sie antwortete: „Es gibt immer die Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die größer als eine Armlänge ist.“ Unter dem Hashtag #einearmlaenge wird Reker dafür teilweise heftig angegriffen, nach dem Motto: Man gibt Frauen eine Mitschuld für Angriffe, wenn sie sich nicht an gewissen Verhaltensregeln halten.

#EineArmLaenge: Sind wir jetzt selber Schuld?
Christiane Mitatselis findet die Vorwürfe überzogen. © dpa, Oliver Berg

Von Christiane Mitatselis

Diese Art von Kritik ist, wie es oft in sozialen Netzwerken vorkommt, überzogen und ungerecht. Man darf nicht vergessen, dass Reker im Oktober selbst ein Gewaltopfer war, ein Mann stach ihr auf einer Wahlkampfveranstaltung lebensgefährlich in den Hals. Sie war mit der Frage nach Gewalt-Prävention offensichtlich überfordert, hätte sie besser an einen Experten weitergegeben.

Außerdem geht es nicht darum, Frauen eine Mitschuld für die Übergriffe zu geben, sondern zu erklären, wie sie am besten reagieren, wenn Gefahr droht. Wenn sie von Männern bedrängt und belästigt werden. Es müssen nicht wie in der Kölner Silvesternacht Nordafrikaner sein, Gewalt gegen Frauen geht oft genug von deutschen Männern aus.

Herdentrieb senkt Hemmschwelle

Eine Sprecherin der Kölner Polizei empfiehlt als erstes, Aufmerksamkeit herzustellen und laut zu sein. „Rufen Sie um Hilfe, und zwar gezielt. Sagen Sie etwa: Sie da, mit der blauen Jacke, rufen Sie bitte die Polizei.“ Man solle lieber einmal mehr die 110 rufen als einmal zu wenig, meint die Sprecherin.

Kriminalkommissar Wolfgang Baldes, bei der Polizei Köln für das Thema Prävention zuständig, rät zudem, sich vorab mit potenziell brenzlichen Situationen auseinanderzusetzen, sie gedanklich durchzugehen. Selbstverteidigungskurse zielen nicht umsonst darauf ab, Gefahren früh zu erkennen, so dass man nicht in Panik gerät, wenn sie eintreten. Wer den Überblick behält, wer noch handeln und nicht nur reagieren kann, hat bessere Chancen, eine gefährliche Situation heil zu überstehen.

Außerdem solle man realistisch sein. Immer dann, wenn viele Menschen unterwegs seien, Silvester, Karneval, in der Nacht zum 1. Mai, und wenn viel Alkohol im Spiel sei, sagt Baldes, könne es gefährlich werden: „Man weiß, dass es an solchen Abenden eng wird. Wenn man damit nicht zurecht kommt, wenn man Beklemmungen hat, dann sollte man am besten nicht in diese engen Bereiche gehen.“

Ein weiterer Aspekt der Übergriffe in Köln: Junge Männer handelten dort in großen Gruppen und schaukelten sich gegenseitig zu aggressivem Verhalten hoch. In Sozialpsychologie spricht man von dem Phänomen der Deindividuation. Die normalen Verhaltenseinschränkungen des Einzelnen werden gelockert, da er in der Masse aufgeht. Man kann versuchen, auf einzelne Täter gezielt zuzugehen - und sie so der Anonymität zu berauben. So berichtete eine Frau, die zu Silvester in Köln angegriffen worden, sie sei von mehreren Männern bedrängt und schließlich so wütend geworden, dass sie einen der Angreifer beschimpft und geohrfeigt habe. Offenbar half ihr das, die Täter suchten jedenfalls das Weite.

Übrigens: Frau Rekers Tipp ist nicht absurd, sondern ein Punkt, der in vielen psychologischen Glossaren erwähnt wird. Wer einen Arm ausstreckt, hält einen Täter auf Distanz – und kann in diesem Moment um Hilfe rufen.

Anzeige