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"Ein Kaiserschnitt ist keine richtige Geburt" - so böse können Mütter sein

In Zypern kommt jedes 2. Kind per Kaiserschnitt
In Zypern kommt jedes 2. Kind per Kaiserschnitt Überraschende Zahlen zur Geburt 00:01:51
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Ich wollte es doch richtig machen

„Ein Kaiserschnitt ist keine richtige Geburt“, „Der schreit jetzt so, weil der den Geburtsschock nicht überwunden hat. Kein Wunder, wo er doch so in die Welt gerissen wurde“, „Ach, Beckenbodentraining brauchst du ja nicht, du hattest ja einen Kaiserschnitt“. Brauch ich doch! Und es war eine Geburt, sonst wäre mein Sohn ja jetzt nicht auf der Welt! Und außerdem ist er NICHT traumatisiert! Aber ich bin traumatisiert, durch ein Stigma, das mir auferlegt wurde. Von anderen Müttern.

"Ein Kaiserschnitt ist keine richtige Geburt" - so böse können Mütter sein
Dieses Bild wurde von einer religiösen Gruppe gepostet und ging tagelang durchs Netz.

Von Britta Dorn

Eine Beckenendlage, na toll. Mein erstes Baby und schon mache ich es falsch, ging mir durch den Kopf, als die wenig einfühlsame Gynäkologin mir in der 35. Schwangerschaftswoche sagte, dass mein Sohn immer noch falsch herum in meinem Bauch lag und sich wahrscheinlich auch nicht mehr drehen würde. „Dann machen wir doch gleich mal einen Termin für einen Kaiserschnitt, in der 38. Woche. Wann passt es Ihnen? Direkt Montagmorgen?“

Ein Kaiserschnitt. Mir liefen die Tränen über die Wangen. Das war das Letzte, was ich wollte. Ich wollte mich der Herausforderung stellen, der größten, die eine Frau überhaupt erleben kann. Und warum überhaupt in der 38. Woche? Das ist doch zwei Wochen zu früh! Ich nahm meine Sachen und verließ die Praxis. Und setzte nie wieder einen Fuß dort hinein. Hinterher erfuhr ich von einem befreundeten Arzt, dass geplante Kaiserschnitte immer etwas früher angesetzt werden. Damit bloß nicht vorher die Wehen einsetzen und man das Kind dann völlig unbequem und ungeplant – schlimmstenfalls mitten in der Nacht – holen muss.

Meine Hebamme konnte mich beruhigen. Ganz in unserer Nähe gab es eine Geburtsklinik, die auf spontane Beckenendlagen-Geburten spezialisiert war. Außerdem war ja auch noch ein bisschen Zeit, vielleicht würde sich mein Baby noch drehen. Tat es aber nicht. Die Wochen vergingen und sämtliche Versuche – von Akupunktur über Moxa-Therapie – das Kind zu bewegen, schlugen fehl. Also fuhren wir in die Klinik. Dort versuchten die Ärzte es mit einer äußeren Wendung, das heißt, sie zogen und schoben an meinem Bauch herum – das war ein bisschen erniedrigend, aber vor allem erfolglos. Ich wappnete mich also dafür, meinen Sohn einfach andersherum auf die Welt zu bringen, mit dem Po zuerst. Hauptsache kein Kaiserschnitt.

Anti-Kaiserschnitt-Hetze im Netz

Doch dann kam alles anders. In den letzten Tagen vor dem errechneten Geburtstermin gab es Komplikationen und plötzlich ging alles ganz schnell. Ab in den OP. Es war an einem Mittwoch und es war kalt und mein Mann stand hinter mir, ich konnte ihn kaum erkennen, mit OP-Kittel und Mundschutz. Doch dann, um 13.32 Uhr ein leises Wimmern, eine Sekunde später ein kleines Menschlein auf meiner Brust. „Er hat eingeklappte Öhrchen“, sagte mein Mann zu mir. Wir schauten unseren Sohn an und konnten nicht mehr wegsehen. Wir bekamen gar nicht mit, dass die Ärzte mich weiter operierten. Danach brachten sie uns in den Kreißsaal. Bis abends lagen wir dort gemeinsam in einem riesigen Bett und hatten fast vergessen, dass es gar keine normale Geburt war.

Doch daran erinnerten mich kurze Zeit später die anderen Mütter. Mit ihren bissigen Kommentaren und klugscheißerischen Bemerkungen. „Wie, der lag auf deiner Brust. Die ganze Zeit? Das kann ja gar nicht sein.“ Woher nehmen sie nur diese Arroganz? Die meisten Frauen entscheiden sich nicht freiwillig dafür. Nur etwa zwei Prozent sind in Deutschland Wunschkaiserschnitte. Blasenkatheter, Schmerzen, wochenlange körperliche Einschränkungen – wer sagt bitte schön überhaupt, ein Kaiserschnitt sei weniger schlimm als eine spontane Geburt?

Kürzlich ging ein Bild durchs Netz, das sprachlos macht. Die mittlerweile gelöschte Facebook-Gruppe ‚Disciples oft the New Dawn‘ (‚Anhänger des neuen Erwachens‘) hat es gepostet. Es zeigt einen Bauch mit Kaiserschnittnarbe, darunter steht: "Findet euch damit ab: Ihr habt nicht wirklich ein Kind geboren. Ihr hattet einfach Glück. Bitte zeigt Respekt vor den euch überlegenen Frauen, die tatsächlich das hatten, was gebraucht wurde, um den Job zu erledigen." Die Anhängerinnen dieser religiösen Gruppe verbreiten die Meinung, dass ein Kaiserschnitt nie notwendig sei. Und wenn eine Geburt tödlich verlaufe, dann sei das wohl Gottes Wille. Und das im 21. Jahrhundert. Mir fehlen die Worte.

Die kleine Narbe an meinem Bauch ist längst verblasst, mein Sohn ist heute fünf Jahre alt. Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass ich etwas verpasst habe. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich nur halbe Arbeit geleistet habe. Aber die Narbe erinnert mich daran, dass ich dankbar sein sollte. Dass wir in der heutigen Zeit leben. Vor 150 Jahren wären wir beide bei der Geburt gestorben.

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