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Ein Käsewürfel zum Frühstück: Der tägliche Kampf am Esstisch

Ein Käsewürfel zum Frühstück: Der tägliche Kampf am Esstisch

Reis und Käsewürfel: Der tägliche Umgang mit kleinen Essensverweigerern

Essen an sich wird überwertet - meint zumindest mein siebenjähriger Sohn. Er drückt das natürlich nicht wortwörtlich so aus. Allerdings tut er es auch nicht - also, essen, meine ich. Zumindest nicht so, wie man sich das als besorgte Mutter wünschen würde. Er isst nicht nur sehr wenig Verschiedenes, sondern auch mengenmäßig sehr bescheiden - selbst von den Speisen, die er gern mag.

Von Sandra Bohlender

Gut, als moderne aufgeklärte Mutter weiß ich natürlich, dass man gerade in Sachen Nahrungsaufnahme bei Kindern nichts erzwingen soll und kann (würde bei ihm sowieso nichts nützen) - schließlich möchte man sein Kind zu einem normalen, bewussten und vor allen Dingen genussvollen Ernährungsverhalten erziehen. Das heißt, Essen soll Freude machen und natürlich schmecken.

Ich koche sehr gern (die meisten behaupten sogar auch sehr gut), esse mit Begeisterung und versuche die Freude am Kochen auch an meine Kinder weiterzugeben. Und am Kochen ist mein Sohn durchaus interessiert: Neugierig steht er jedesmal auf einem eilig herangezogenen Stuhl mit mir am Herd und will rühren, würzen, reinschmeißen - nur essen will er es dann meistens nicht. Noch nicht einmal probieren.

Sein Wunsch-Speiseplan zeugt im Allgemeinen von wenig Vielfalt: Risotto (mit Brühe und einem groooßen Löffel Butter, damit wenigstens ein paar Kalorien an ihn drankommen), Nudeln ohne alles, Toast mit Kirschmarmelade (natürlich nur eine ganz bestimmte Marke), Naturjoghurt mit Ahornsirup, Tomaten, Paprika, trockene Brötchen (natürlich nur das weiche Innere). Käse nur in Würfelform. Gern auch schon mal Handfesteres wie Hähnchen, Bratwurst oder Schnitzel. Überraschenderweise auch Brokkoli. Klingt irgendwie nach Diät - Seufz!

Keine Kartoffeln (Pommes höchstens mal drei oder vier - Stück, nicht Portionen), keine Pizza, kein Fisch (wir haben ihn einmal zu einem dreiviertel Fischstäbchen überreden können), kein Obst, keine Suppe (egal welche), aber auch keine Schokolade, keinen Kuchen - außer ein paar Gummibärchen überhaupt keine Süßigkeiten.

Wenn ich bei anderen Eltern das mit den Süßgkeiten erwähne, ernte ich meistens ein beherztes "Sei doch froh - bei meinen Kindern muss ich immer alles wegsperren!" Na gut, aber manchmal wäre ich froh über jede kleine Kalorie, die sich in seinen Körper verirrt.

Letztes Jahr probierte mein Sohn (mit sechs Jahren) sein erstes Eis - wir hielten das Ereignis fotografisch fest, damit Oma und Opa es uns auch glauben. Seine erste (und bis heute einzige) Wahl: Zitroneneis. Ausgerechnet die Sorte, die keiner von uns mag. Da er seine Kugel nicht immer so ganz aufisst, kann ich mittlerweile kein Zitroneneis mehr sehen.

Trotz Untergewicht kerngesund

Medizinisch gesehen ist mit ihm aber - Gott sei Dank - alles in Ordnung. Seine Gewichtskurve in seinem Untersuchungsheft liegt zwar konsequent unter dem Durchschnitt und weigert sich eisern auch nur in die Nähe der Normallinie zu kommen, aber sein Kinderarzt ist vollauf mit seiner Verfassung zufrieden und baute mich stets seelisch auf gegen die "wohlmeinenden und besorgten" Kommentare unseres sozialen Umfelds auf. Besonders die Kindergärtnerinnen beäugten meinen Filius damals stets misstrauisch, witterten schon Vernachlässigung (es war ein katholischer Kindergarten) durch eine durch Berufstätigkeit überforderte Mutter. Gegen Kommentare wie: "Ihr Sohn ist ja sehr zart - geradezu schwach" oder "ihr Sohn ermüdet immer so schnell - bekommt er nicht genug zu essen?" sprang dann mein Mann schon mal in die Bresche: "Meine Frau kocht sehr gut und reichlich - schon fast zu gut" - wobei er sich seufzend auf seinen eigenen Bauch klopfte.

Ein Argument, was allerdings selbst besorgte Kindergärtnerinnen verstummen ließ, waren die mangelnden Fehlzeiten meines Sohnes - er war und ist einfach unglaublich selten krank. Selbst die schlimmsten Epidemien, die Kindergärten gern heimsuchen, wurden von seinem ach so schwachen Körperchen offensichtlich radikal eliminiert. Eine kräftige Statur sagt eben nichts über die Gesundheit aus.

Meine eigene Mutter sieht das Essverhalten meines Sohnes eher entspannt - sie hat dasselbe mit mir durchgemacht. Natürlich ertappe ich sie heute noch dabei, dass sie, wenn er bei ihr ist, Tellerchen, Schälchen und Brettchen mit seinen Lieblingsspeisen um ihn herum postiert, in der Hoffnung, er würde irgendwann zugreifen - und das kommt mir irgendwie bekannt vor. Ich habe damals mit sieben oder acht Jahren angefangen zu essen - und zwar alles, mit viel Neugier.

Meine heute elfjährige Tochter verhielt sich früher genauso wie mein Sohn - und entdeckte ebenfalls mit sieben ihren kulinarischen Forschungsdrang. Scheint also irgendwie in der Familie zu liegen.

Unser Kinderarzt sagt immer: "Wenn der Junge in die Pubertät kommt und die Muckis wachsen, kommt der Hunger von ganz allein". Na denn - bis dahin haben wir beschlossen, das Ernährungsthema so weit es geht entspannt zu sehen - schließlich gehören Essen und Entpannung ja sowieso irgendwie zusammen.

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