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Ein Jahr 'Pille danach' ohne Rezept: Mehr Abtreibungen wegen schlechter Beratung?

Mehr Abtreibungen durch 'Pille danach'
Mehr Abtreibungen durch 'Pille danach' Bilanz nach einem Jahr 00:01:47
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Wie steht es um die Beratung in Sachen 'Pille danach'?

Seit einem Jahr können Frauen in Deutschland, die fürchten, ungewollt schwanger zu werden, die 'Pille danach' ohne Rezept in der Apotheke kaufen. Verbunden damit war die Hoffnung, dass es weniger Abtreibungen geben würde - doch der Plan ist scheinbar nicht aufgegangen.

Apotheke 'Pille danach'
Apotheken müssen zur 'Pille danach' eine Beratung anbieten, allerdings kommt diese offenbar oft zu kurz. © dpa, Rolf Vennenbernd

Seit Jahren nimmt die Zahl der Abtreibungen zwar kontinuierlich ab - so auch 2015 um 0,5 Prozent. Doch die Statistik kann auch anders gelesen werden, meint zumindest der Berufsverband der Frauenärzte. Danach gab es im Verlauf des vergangenen Jahres sehr wohl eine Trendwende - hin zu einem neuerlichen Anstieg der Schwangerschaftsabbrüche.

Der Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, Christian Albring, sagt: Der Rückgang setzt sich nur im ersten Quartal 2015 fort. In den Quartalen zwei bis vier gebe es im Vergleich zum Vorjahr wieder mehr Schwangerschaftsabbrüche. Das hänge zeitlich mit der Rezeptfreiheit der 'Pille danach' seit Mitte März 2015 zusammen, also dem Verkauf der Notfallverhütung nach ungeschütztem Sex am Apothekenschalter ohne fachärztliche Beratung.

Die 'Pille danach' ist problemlos am Tresen erhältlich. Die Kosten: je nach Präparat etwa 18 bis knapp 30 Euro. Wichtig ist aber die Beratung, so Apothekerin Beatrix Meister. Sie arbeite vor jedem Verkauf einen Fragenkatalog ab: "Dabei fragen wir natürlich nach dem Zeitpunkt des letzten Geschlechtsverkehrs. Der ist wichtig, um das passende Medikament empfehlen zu können", so die Apothekerin. Die nächste Frage beschäftigt sich damit, wann die letzte Periode war, um eventuell eine Schwangerschaft auszuschließen.

Nutzen viele Frauen die 'Pille danach' als Verhütungsmittel?

Denn dann ist es zu spät für die 'Pille danach': Sie soll schließlich den Eisprung der Anwenderin noch vor der Befruchtung verschieben, um eine Schwangerschaft zu verhindern. Allerdings wird das Medikament seitdem offenbar falsch und daher wirkungslos angewendet, vermutet der Berufsverband der Frauenärzte. Trotz bester Absichten könnten Apotheker eben nicht so gut beraten wie Ärzte, sagen die Verbandsvertreter.

"Es ist etwas sehr Intimes, wenn man nach dem Geschlechtsverkehr fragt. Und in jeder Praxis ist natürlich die Intimsphäre, das Arztgeheimnis extrem geschützt, das können Apotheken nicht bieten", so der Frauenarzt Dr. Werner Harlfinger. Der Verband vermutet, dass manche Anwenderinnen die 'Pille danach' sogar als nachträgliches Verhütungsmittel nutzen. Viele wüssten nicht, dass diese an Wirkung verliert, wenn

- der Geschlechtsverkehr länger als drei Tage zurückliegt oder

- die Anwenderin über 75 Kilogramm wiegt.

Sind Mädchen und Frauen leichtsinniger geworden? Die Statistik lässt eine solche Vermutung nicht wirklich zu. Die Alterskurve bei den Abtreibungen 2015 unterscheidet sich nicht wesentlich von den Vorjahren. Die Zahl der Abtreibungen nimmt ab 20 Jahren zu auf gut 24.000 im Alter von 25 bis 30 Jahren und fällt dann bis 40 wieder deutlich ab.

Hat die 'Pille danach' den gewünschten Nutzen? Christian Albring sagt, es würden zwar mehr Präparate verkauft, aber davon bleibe offensichtlich ein höherer Anteil als vorher wirkungslos. Zumindest ein Teil der Frauen nehme offensichtlich für ihr Gewicht oder die nötige Wirkungsdauer nicht passende Präparate.

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