LIEBE LIEBE

Eifersüchtig? Das tut einer glücklichen Beziehung manchmal gut!

Liebesexpertin Birgit Ehrenberg
Birgit Ehrenberg gibt Tipps in Sachen Liebe

Eifersucht als mentaler Wachmacher

Neulich las ich in dem sehr vergnüglichen Buch 'Wie Proust Ihr Leben verändern kann' von Alain de Botton. Ich blieb an diesem Zitat hängen: „Frage: Was ist das Geheimnis einer lange währenden glücklichen Beziehung? Antwort: Untreue. Und zwar nicht als körperlicher Akt, sondern als Möglichkeit, als ständige Bedrohung im Kopf. Für Proust ist eine gesunde Dosis Eifersucht das Einzige, was eine durch Gewohnheit abgewirtschaftete Beziehung noch zu retten vermag.“

Harter Tobak, dachte ich mir. Die gute alte Eifersucht hat wahrlich einen schlimmen Ruf und gilt als echter Beziehungskiller, und da kommt Proust daher und lobt dieses Gefühl, das alle doof finden und keiner will und trotzdem viele widerwillig empfinden. Kaum zu glauben, dass Proust die Eifersucht in den Himmel hebt, doch er war ein sehr kluger Mann, an der Theorie muss also etwas dran sein.

Ich kam ins Nachdenken und versuchte, mir vorzustellen, wie Proust das gemeint haben könnte, dass man quasi in der Phantasie mit Fremdgehen lebt, dass man sich vorstellt, wie der Partner eine andere Frau leidenschaftlich küsst oder mehr – und dass einem diese Bilder einen Frische-Kick geben.

Ich deklinierte vor meinem geistigen Auge ein paar Eifersuchtsszenen durch. Nehmen wir diese : Man ist mit seinem Freund unterwegs, man plaudert über das Leben, über den Job, und plötzlich beginnt der Freund, von seiner neuen Kollegin zu schwärmen. Sie sei so patent und witzig. Die Eifersucht kommt sofort angelaufen und versetzt einen mit ihrem Stachel in Aufruhr. Mit der Frau ist ER jeden Tag zusammen, und er findet sie offensichtlich toll – Hilfe. Trotzdem: Locker bleiben. Er ist ja schließlich nicht mit ihr zusammen, das ist die frohe Botschaft, er kommt jeden Abend brav nach Hause und ist glücklich, dass man da ist. Was kann die Eifersucht in dieser Lage Produktives ausrichten? Es wird einem bewusst, wie sehr man doch an seinem Partner hängt, wie sehr man jede Minute mit ihm genießen sollte. Handlungsanweisung: So viel wie möglich mit ihm unternehmen, nicht immer auf dem Sofa abhängen. Ein Picknick schweißt auf alle Fälle mehr zusammen als der gemeinsame Büroalltag.

Ein weiteres beliebtes Eifersuchts-Szenario: Er will mit uns verreisen – und zwar an einen Ort, an dem er schon mit seiner Ex war. Uff, will er dort an vergangene Zeiten denken, in Erinnerungen an die Ex schwelgen? Und man selbst liegt am Strand neben ihm wie das fünfte Rad am Wagen und ist ganz klein mit Hut, Aua. Wie kommt man raus aus dem Eifersuchts-Gedanken-Karussell? Einfach an das Beste glauben, das ist eine prima Übung. Einfach davon ausgehen, dass er mit uns nach Bali will, weil er Bali mag – und uns.

Eine andere brodelnde Eifersuchts-Quelle, was die Ex angeht: Er telefoniert regelmäßig mit ihr, das tut einem richtig weh. Auch das kann die Beziehung stärken! Nicht an die Verluste denken, sondern an den Gewinn! Denn es spricht doch entschieden für ihn, dass er sich nicht im Streit von ihr getrennt hat und noch Anteil am Leben der Ex nimmt, Er ist ein guter Mann, ein Mann mit Charakter, deshalb lieben wir ihn schließlich! Wo ist das Problem? Wir sollten ihn gleich umarmen, den wunderbaren Kerl und uns für seine Existenz bedanken. Auch in diesem prekärem Fall können wir also etwas aus der Eifersucht lernen.

Ich komme zu dem Schluss: Proust hatte auf alle Fälle recht, aber nur indirekt. Wer sich ganz direkt und ohne Umschweife ständig vorstellen soll, wie der Partner wirklich fremdgeht, der tut sich sicher auf die Dauer keinen Gefallen. Diese Bilder machen einen fertig – und die Liebe und die Beziehung auch.

Doch wer die Eifersucht indirekt als mentalen „Wachmacher“ benutzt, wer ihren „Biss“ verwandelt, um sich klar zu machen, wie einzigartig und wertvoll der Partner ist, der lässt die Liebe durch die Eifersucht wachsen.

Das ist wirklich eine geniale Strategie. Herzlichen Glückwunsch, Herr Proust, mit Ihnen wird die Liebe leicht, auch wenn sie gerade schwer zu sein scheint.

Anzeige