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Ehrenamt im Kinderhospiz: "Ein Kind in Raten verlieren"

Bettina Bessel-Lorck arbeitet ehrenamtlich beim Ambulanten Kinderhospizdienst in Köln.
Bettina Bessel-Lorck arbeitet ehrenamtlich beim Ambulanten Kinderhospizdienst in Köln © RTL Interactive

Ehrenamt im Kinderhospiz - keine leichte Aufgabe

"Das könnte ich nicht" ist der häufigste Satz, den Bettina Bessel-Lorck hört, wenn sie über ihre ehrenamtliche Arbeit beim Ambulanten Kinderhospizdienst Köln erzählt. Einmal in der Woche betreut die 55-jährige Hausfrau die achtjährige Lena. Lena ist mehrfach schwerstbehindert. Sie ist blind, hat eine Schluckstörung, einen Herzfehler, eine schwere therapieresistente Epilepsie. Sie braucht rund um die Uhr Pflege, die Familie ist so gut wie nie allein. Bettina Bessel-Lorcks Aufgabe besteht vor allem darin, Lenas Mutter zu entlasten. "Ich weiß nie, was auf mich zukommt, wenn ich zu Lena fahre", erzählt sie. Oft geht sie mit Lena spazieren oder sie massiert sie. Manchmal geht es auch nur um Streicheleinheiten oder Lena im Arm zu wiegen. "Lena weiß nicht, dass sie krank ist, dass sie früher sterben wird, ich weiß nicht einmal, ob sie mich kennt."

Von Esther Hörbelt

"Das könnte ich nicht" war auch ihre ursprüngliche Reaktion vor gut zwei Jahren, als ihr eine Freundin eine Anzeige des Kinderhospiz-Vereins in der Zeitung zeigte. Die Freundin überzeugte sie, und seit nun anderthalb Jahren betreut Bettina Bessel-Lorck die Familie von Lena. Das Verhältnis ist inzwischen freundschaftlich. Nicht ein einziges Mal hat sie darüber nachgedacht, die ehrenamtliche Tätigkeit aufzugeben. "Früher war ich ganz aufgewühlt, wenn ich nach Hause kam, ich musste sofort meinem Mann alles erzählen. Heute komme ich nach einem sehr erfüllten Tag sehr zufrieden nach Hause." Am Anfang musste sie sich überwinden, Berührungsängste abzubauen. "Heute schmuse ich mit Lena, wickele sie oder entschleime ihre Atemwege, ohne dass es mir etwas ausmacht."

"Wir sind nicht nur Gutmenschen"

Der Deutsche Kinderhospizverein wurde 1990 von sechs Familien gegründet, deren Kinder unheilbar erkrankt waren. Inzwischen arbeitet der Verein bundesweit und ist der größte Träger von ambulanten Kinderhospizdiensten in Deutschland. Auch der Ambulante Kinderhospizdienst Köln gehört dazu.

Es ist keine leichte Aufgabe und doch ist sie für Bettina Bessel-Lorck wichtig, ja sogar eine Art Therapie. Auch sie hat einen schweren Schicksalsschlag zu verarbeiten: Ihre Tochter Sonja starb vor sechs Jahren, mit gerade einmal 15 Jahren. Nach einer Party sollte sie mit der Bahn nach Hause fahren, sie fiel ins Gleisbett, der Fahrer der Straßenbahn übersah sie und fuhr los. Es dauerte Jahre, bis Bettina Bessel-Lorck den Tod der Tochter für sich akzeptieren konnte. Lena helfe ihr dabei: "Ich fühle mich mit meinem Schicksal ausgesöhnt. Ein Kind zu verlieren, ist das Schlimmste, was einem passieren kann, aber ein Kind in Raten zu verlieren ist noch schlimmer."

Der Tod ist – natürlich – ein zentrales Thema in ihrer Arbeit. Lenas Mutter taste sich langsam an den bevorstehenden Tod ihrer einzigen Tochter heran, so fragt sie Bettina Bessel-Lorck, wie lange sie gebraucht habe, den Verlust von Sonja zu verarbeiten. Durch ihre Arbeit denkt Bettina Bessel-Lorck nicht anders über den Tod nach. Auch wenn sie nicht religiös sei, hoffe sie nach dem Tod mit ihrer verunglückten Tochter zusammenzutreffen. "Lena hilft mir zu überleben bis dahin, aber sie hat nicht meine Einstellung zum Tod verändert."

Bettina Bessel-Lorck ist nicht die einzige im Verein, die einen solchen Schicksalsschlag erlebte. "Wir sind nicht nur Gutmenschen, jeder im Einführungskurs hatte irgendetwas zu kompensieren". Sie ist davon überzeugt, dass ihr diese Arbeit mindestens so viel zurückgibt, wie sie hineinsteckt. Dennoch sei die Fluktuation bei den ehrenamtlichen Mitarbeitern hoch: Manche springen direkt nach dem Einführungskurs ab, manche ziehen weg, manche verlieren aber auch irgendwann die Lust, weil es ihnen nichts zurückgibt, so Bettina Bessel-Lorck.

In den vergangenen Jahren war Lena mindestens dreimal kurz davor zu sterben. "Wir haben zwar in unserem Einführungskurs gelernt, Nähe und Distanz zu wahren, aber man kann das nicht abstreifen." Bettina Bessel-Lorck weiß, dass der Tag, an dem Lena stirbt, kommen wird. Sie hat ihr tote Tochter nach dem Unfall nicht mehr gesehen und sich nicht von ihr verabschiedet."„An Sonjas statt werde ich mich von Lena verabschieden", sagt sie heute. Die ehrenamtliche Arbeit im Kinderhospizverein – ein Geben und Nehmen für beide Seiten.

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