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Durch eine Impfung schützt man nicht nur sich selbst – es ist auch ein Gebot der Fairness!

Baby impfen: Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Baby impfen: Wann ist der richtige Zeitpunkt? Hebamme Franzi weiß Rat 00:00:45
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Masern/Mumps/Röteln: Die Impfung schützt auch andere

Ich weiß es noch ganz genau: Ich hatte Masern, lag krank im Bett und meine Mama kümmerte sich noch fürsorglicher als normalerweise um mich. An ihre Liebe erinnere ich mich, an den Becher mit Tee und die vielen, vielen Märchen, die sie mir vorgelesen hat. In der Rückschau sind die Tage, in denen ich an dieser Kinderkrankheit litt, eine schöne Erinnerung. Besonders schön auch deshalb, weil ich mich daran erinnern kann – und nicht den teilweise gravierenden Folgeschäden von Masern leide. Auch, weil ich noch lebe. Etwa jedes tausendste Kind, das an Masern erkrankt, entwickelt eine Enzephalitis. Hat ein Leben lang mit schweren Behinderungen zu kämpfen – oder stirbt sogar an der Kinderkrankheit.

Impfungen können Leben retten
Die Frage rund ums Impfen ist eine heißdiskutierte © dpa, Karl-Josef Hildenbrand

Von Ursula Willimsky

Dennoch ist die Frage, ob man dem Körper des eigenen Kindes eine Impfung gegen Masern (oder viele andere Erkrankungen) "zumuten" sollte, eine heißdiskutierte. Die gesundheitsideologischen Kämpfe pro und contra Impfung brechen bevorzugt aus, wenn eine Kinderkrankheit sich epidemisch ausbreitet. So wie derzeit in Berlin, wo in knapp fünf Monaten fast 600 Masernfälle auftraten. Ein Jugendlicher ist schwer erkrankt, über 1.000 seiner Mitschüler dürfen nicht unterrichtet werden. Ein kleiner Junge starb.

Dabei könnten Masern längst ausgerottet sein. So wie das schreckliche Polio. Eine Impfung, zur Sicherheit noch eine Auffrischung – das wär´s gewesen mit dieser Krankheit. Weltgesundheits-Organisation, Robert-Koch-Institut und viele Kinderärzte empfehlen diese Vorgehensweise. Und die Krankenkassen zahlen sie sogar.

Viele Eltern wagen es dennoch nicht, ihr Kind impfen zu lassen. Je nachdem, mit wem man spricht, wird man dafür verurteilt, dass man das Kind nicht impfen lässt (denk doch bloß mal an die Spätfolgen!) oder dafür, dass man es impfen lässt (denk doch bloß mal an die ganzen Trägerstoffe, die in den Impfampullen sind!). Die Impfgegner treibt unter anderem die Angst vor Impfschäden um. Obwohl diese, um beim Beispiel Gehirnhautentzündung zu bleiben, als tausendmal seltener gelten als die Infektionsrate beim ungeimpften Kind. Vielleicht fürchten sie, ihr Kind gerade dadurch zu schädigen, dass sie es schützen wollten.

Wer im Internet surft, findet rasch die Seiten der Impfgegner – die Profitgier der Pharmakonzerne wittern oder auch die Meinung vertreten, dass eine Kinderkrankheit für die Entwicklung des Immunsystems wertvoll ist. Ihre Argumentationsketten negieren zwar die meisten Statistiken und wissenschaftlichen Erkenntnisse aus dem medizinischen Bereich, klingen aber dennoch irgendwie logisch und nachvollziehbar.

Impfen: ein Gebot der Fairness?

Und in vielen, vielen Fällen geht das alles auch gut. Besonders, wenn das Umfeld weitgehend durchgeimpft ist. Von wem soll sich das einzige ungeimpfte Kind dann auch schon groß eine Krankheit einfangen? Und wenn es doch passiert? Und die Masern/Windpocken/Röteln sich plötzlich so viel heftiger anfühlen als in den rosa-verbrämten eigenen Kindheitserinnerungen? Das Kind vielleicht sogar die schwangere Mama von Fynn angesteckt hat? Die jetzt Angst um ihr Ungeborenes haben muss? Oder Lynn infiziert hat? Ausgerechnet die Kleine, die wegen ihrer chronischen Erkrankung nicht geimpft werden darf?

Wäre es nicht ein Gebot der Fairness, den Impf-Freifahrtschein den Kindern zu überlassen, die nicht das Glück haben, gesund zu sein? Sie können nur vor Krankheiten geschützt werden, wenn möglichst viele andere sich haben impfen lassen. Die 'taz' zum Beispiel fordert Pragmatismus: Impf-Pflicht lehnt sie ab, das soll in der Entscheidungsgewalt der Eltern bleiben. Aber dann – so die Zeitung – soll auch die Frage der Betreuung ihre eigene Sache bleiben. Kein Impfbuch – kein Kita-Platz. Die 'Süddeutsche' wittert als Gründe für die Impfmüdigkeit auch "Luxusprobleme" und mutmaßt, dass die Termine bei manchem vielleicht gerade ganz einfach nicht in den Lifestyle oder den Terminkalender passen.

Dabei gehörten die Impfungen zu den "größten Errungenschaften der Menschheit": 2,5 Millionen Menschenleben würden durch sie Jahr für Jahr gerettet. Bei fast allen Krankheiten sind fast 90 Prozent der Kinder immunisiert – die restlichen zehn Prozent sind es, die den Erfolg der Prophylaxe gefährden. Schlussfolgerung: Durch eine Impfung schützt man nicht nur sich selbst – es ist auch ein solidarischer Akt. Der das eigene Kind, aber auch viele, viele andere Jungen und Mädchen vor Erkrankungen bewahren kann, die schlimmere Folgen haben können als nur ein paar Tage im Bett. Masern zum Beispiel kann in SSPE münden – einer Gehirnentzündung, die in der Regel tödlich verläuft.

Durch Impfungen haben viele Krankheiten ihren Schrecken verloren, unter anderem auch, weil sie keine alltägliche Gefahr mehr darstellen. Wer fürchtet sich heutzutage schon noch vor Keuchhusten? Das Durchschnittsalter der Erkrankten stieg 2008 auf 41 Jahre an. Wenn deren Gegenüber nicht geimpft ist, besteht ein hohes Infektionsrisiko. Besonders gefährlich, wenn das Gegenüber noch ein Kind ist – bei ihnen kann auch Keuchhusten tödlich enden.

Doch wer weiß schon, ob er selbst noch durch die Impfungen aus der Kindheit geschützt ist? Darüber kann eigentlich nur der Impf-Pass Auskunft geben. Dieses kleine, gelbe Buch, das doch garantiert noch irgendwo in dem Aktenordner mit den Schwimmabzeichen abgeheftet ist. Heute ist eigentlich ein guter Zeitpunkt, dieses Buch mal wieder rauszusuchen und zu kontrollieren, ob Tetanus und Co eine Chance hätten…

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