Dürfen Kinder sich gruseln? Oh ja, beweist "Coraline"

Dürfen Kinder sich gruseln? Oh ja, beweist "Coraline"

Von Jasmin Zikry

Ein Horror-Film für Kids? Wer behauptet, Kinder gruselten sich nicht gern, hat noch nie Sechsjährige in einem „Harry Potter“-Film beobachtet. Deshalb ist „Coraline“, der 3D-Animations-Horrorspaß auch genau das richtige für jüngere Zuschauer, die sich vor skurrilen Bösewichtern nicht fürchten. Stellvertretend für sie erlebt die elfjährige Coraline den Alptraum aller Kinder: Sie hat weder Spaß, noch Freunde oder Eltern, die Zeit für sie finden.

Seit dem Umzug von Michigan ins dauertrübe und verregnete Oregon hat Coraline alles andere als einen spannenden Alltag. Ihre dauergestressten Eltern sind Extrem-Workaholics und versinken in ihrem Berg von Arbeit. Freunde hat sie auch noch nicht gefunden. Und nicht mal in ihrem neuen zu Hause fühlt sich Coraline geborgen und sicher. In der alten Villa wimmelt es nur so vor Ratten und Silberfischen. Die Kleine kann einem schon leid tun.

Coraline (im Original von Kinderstar Daktota Fanning gesprochen) lässt sich aber nicht unterkriegen. Das kleine Persönchen mit dem blauem Kurzhaarschnitt und dem willenstarkem Gesichtsausdruck geht aktiv gegen die quälende Langweile vor. Warum also nicht bei den eigenen Nachbarn anfangen und etwas die Umgebung erforschen? Und dabei stößt Coraline auf skurrile Gestalten. Da wären die divenhaften Damen Miss Spink und Miss Forcible , die ihre Hunde ausgestopft in ihrem Wohnzimmer ausstellen, oder der ebenso exzentrische russische Akrobat Mr. Bobinsky (Ian McShane), der eine Art Mäusezirkus bei sich zu Hause führt. Selbst für den gleichaltrigen Wybie (Originalstimme: Robert Bailey Jr.) scheint Coraline nicht viel übrig zu haben. Na wunderbar!

Dürfen Kinder sich gruseln? Oh ja, beweist "Coraline"

Coralines Leben nimmt eine unerwartete Wendung als sie zu Hause eine kleine Geheimtür entdeckt, deren Tunnel sie auf direktem Wege in ihre eigene, bessere Parallelwelt führt. Hier ist alles anders und schöner. Ihre Eltern sind wie ausgewechselt: ihre „neue“ Mutter (im Englischen mit der Stimme von Teri Hatcher) bekümmert, liebevoll und ganz die Hausfrau, ihr Vater ständig gut gelaunt und ein talentierter Entertainer. Nur sehen ihre Eltern etwas eigenartig aus und haben schwarze Knöpfe anstelle von Augen.

Schon bald muss Coraline feststellen, dass der Schein ihrer neuen Traumwelt trügt und sie mit einem dunklen Geheimnis belastet ist. Als sie der schönen Illusion den Rücken kehren will, greifen ihre „Ersatz“-Eltern plötzlich zu brutalen Mitteln, um sie bei sich zu behalten. Und das ist nicht die einzige Gefahr, die auf Coraline wartet.

Mit seinem „3D-Stop-Motion-Film“ entführt Drehbuchautor und Regisseur Henry Selick („The Nightmare Before Christmas“) seine Zuschauer in ein atemberaubendes Filmabenteuer mit außergewöhnlich phantasiereichen Figuren. „Coraline“ besticht jedoch nicht in erster Linie durch seine 3D-Effekte, sondern mehr über die Originalität der gesamten Aufmachung, Figuren und der Schauplätze. Noch ein kleines bisschen mehr Abenteuergeist hätte man sich von Selick schon gewünscht. Dennoch überzeugt „Coraline“ mit schnellen und schrillen Bildern. Mit viel Liebe zum Detail versucht Selick knapp 100 Minuten lang die Spannung hochzuhalten.

Zu düster und beängstigend könnten jedoch vereinzelte Szenen auf sehr junge Zuschauer wirken. Coralines „andere“ Mutter ist in ihrer Verwandlung in ein skelettartiges Monster für Sechsjährige zu extrem – vor allen Dingen, wenn sie einem durch die 3D-Brille ein bisschen zu nahe kommt. Für alle anderen ist es wirklich spaßig mit anzusehen, wie Coraline gegen das Böse ankämpft, um sich und ihre Familie zu retten – auch wenn es sie letztendlich wieder ins triste und langweilige Alltagsleben führt.

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