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Dürfen Eltern mit ihren Kindern über andere Menschen lästern?

Kleines Mädchen flüstert ihrer Mama etwas  spannendes ins Ohr.
"Hör mal, siehst du die Frau da drüben, die sieht aber komisch aus..." © Getty Images/iStockphoto, skynesher

Lästern mit den Kids - ist das okay?!

In einem Zeitungsartikel schrieb ein Vater darüber, wie er mit seiner Tochter über eine „sehr sehr dicke Frau“ gelästert hat – und sich keiner Schuld bewusst war: „Zusammen lästern ist super. (...) Die Wahrheit ist, dass es das Band zwischen mir und meiner Tochter stärkt. Ich glaube, jede Beziehung braucht einen gemeinsamen Feind.“ Stimmt das überhaupt? Und was bedeutet Lästern eigentlich? Werden diese Kinder später zu fiesen Mobbern?

Von Jutta Rogge-Strang

Dürfen gute Vorbilder lästern?

In 'Nido – Das Magazin' (herausgegeben vom 'Stern') berichtet ein Vater in der Rubrik '33 Dinge, die mit Kindern erst so richtig Spaß machen' mal ganz ehrlich über seine Läster-Erfahrung mit seiner Tochter. Und dass sie froh sind, „keine Dicken zu sein“, dass Lästern mit der Tochter Spaß macht. Aber sollte der Vater nicht eigentlich ein Vorbild sein? 

Stärkt Lästern die Bindung zwischen Kindern und Eltern?

Eigentlich ist Lästern ja harmlos, denn die andere Person bekommt das ja gar nicht mit. Und Lästern ist beliebt, viele tun es, hauptsächlich Frauen. Aber warum lästern so viele Menschen so oft über andere? Die Hauptgründe hierfür sind laut Psychologen mangelndes Selbstvertrauen und gefühlte fehlende Anerkennung. Schon seit Urzeiten vergleichen wir uns mit anderen Menschen. Das dient der sozialen Kontrolle: Wir wollen, auch im Vergleich, immer gut dastehen. Um das zu erreichen, haben wir zwei Möglichkeiten: Zum einen können wir selbst hervorragende Leistungen erbringen. Zum anderen können wir andere schlecht machen und uns dadurch über sie erheben. Was ist wohl einfacher?

Lästermäuler sind unbeliebt

Lästern dient aber auch dazu, Dampf abzulassen, als eine Form verbaler Aggression. Und es stärkt die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Zudem kann es dazu dienen, Egoisten abzustrafen und die soziale Ordnung in Gruppen aufrechtzuerhalten. Aber Studienergebnisse zeigen auch, dass diejenigen, die am liebsten über andere herziehen, früher oder später als „Lästermaul“ gelten. Und dann schlägt das geliebte Lästern plötzlich zurück. Denn sehr oft steckt purer Neid hinter den Angriffen.

Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass es sich attraktive Menschen eher leisten können, über andere herzuziehen. Allerdings büßen sie langfristig Vertrauenswürdigkeit und Sympathie ein: Wer sich ständig über die Misserfolge von anderen auslässt, wird irgendwann selbst als inkompetent abgestempelt. Wer hingegen andere für ihre Eigenschaften lobt, auf den fällt das Lob irgendwann selbst zurück. 

Stichwort Diversity

Was bedeutet das aber in der Erziehung unserer Kinder? Klar ist jeder auffällig, der etwas anders ist als die Allgemeinheit: Zu klein, zu groß, zu dick, zu dünn, zu viele oder keine Haare, bunte Kleidung, zu viel Make-up, es gibt tausend Gründe, warum jemand aus der Gruppe heraussticht. Na und?

Natürlich kann man seinen Kindern signalisieren, dass uns auch jemand aufgefallen ist. Und natürlich kann man darüber sprechen, warum das so war. Das zeigt den Kindern, dass ihre Wahrnehmung richtig ist. Aber dann kommt der entscheidende Punkt: Wie ordnen wir das ein?

Diversity, häufig übersetzt mit Vielfalt oder Verschiedenheit, ist die Erkenntnis, dass uns Vielfältigkeit grundlegend bereichert, ursprünglich bezogen auf Rasse, Geschlecht, Hautfarbe, nationale Herkunft, Alter, Behinderung, sexuelle Orientierung oder Religion. Diversity ist die gegenseitige Anerkennung, sowohl in der Ähnlichkeit als auch in der Verschiedenheit.

Das komplette Gegenteil davon ist die Steigerung von Lästern, das Mobbing. Und das Lästern über Dicke bietet einen weiten Raum, auch in der Schule oder im Freundeskreis. 

Mobbing ist die Steigerung von Lästern

Wenn Kinder einmal gelernt haben, dass sie sich durch Lästern besser fühlen und fester zur (Familien-) Gruppe gehören, werden sie dieses Verhalten weiterhin anwenden. Wer in einer Familie aufwächst, in der es üblich ist, über andere herzuziehen, wird dieses Verhalten natürlich übernehmen, um weiterhin Nähe und Verbundenheit herzustellen.

Besonders in der Schule ist es beliebt, irgendwelche Mitschüler auszugrenzen und übel über sie herzuziehen. Wie schön, wenn man bereits in der eigenen Familie erfährt, wie das am besten funktioniert. Dass der Vater offenbar ein Feindbild braucht, um sich seiner Tochter verbunden zu fühlen, ist ein bitteres Armutszeugnis. Da drücken wir alle mal ganz fest die Daumen, dass die Tochter nicht selbst irgendwann zum Mobbing-Opfer wird. 

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Eltern bitten um Hilfe für die letzte Zeit mit ihrem Kind Weil ihre kleine Tochter bald sterben wird 00:01:54
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