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Dressurreiterin Adelinde Cornelissen bricht ihrem Pferd zuliebe die Olympia-Kür ab

Dressur-Reiterin bricht Olympia-Kür ab
Dressur-Reiterin bricht Olympia-Kür ab Sie möchte ihr krankes Pferd schützen - und erntet viel Kritik 00:01:31
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Adelinde Cornelissen muss sich Vorwürfe gefallen lassen

Kurz vor ihrem olympischen Wettkampf entdeckte die niederländische Dressurreiterin Adelinde Cornelissen ihr Pferd Jerich Parzival mit erschreckend angeschwollenem Kopf und hohem Fieber. Zum Wohl ihres Pferdes traf sie eine krasse Entscheidung. Obwohl den beiden das Go für den Wettkampf gegeben wurde, brach sie die Olympia-Kür ab: "Parzivals Gesundheit ist wichtiger, als irgendwas anderes in der Welt!"

Adelinde Cornelissen bricht ihrem Pferd zuliebe die Olympia-Kür ab
Das Wohl ihres Pferdes Parzival steht für die Dressurreiterin im Vordergrund. © imago/Bildbyran, imago sportfotodienst

Die Dressurreiterin musste für diese Entscheidung allerdings auch heftige Kritik einstecken. Es soll Zuschauerzeugen geben, die den Zustand des Pferdes beim Warmreiten noch als kränklich und nicht komplett erholt eingeschätzt haben sollen. Diese werfen Adelinde Cornelissen vor, missbräuchlich gehandelt zu haben, weil sie überhaupt in Erwägung zog, anzutreten.

Unter ihnen die US-Dressurrichterin und Dozentin für Biomechanik Colleen Kelly Rider, die auf ihrer Homepage ankündigt, Cornelissen wegen Tieresmissbrauches anzuzeigen. Dort schreibt sie: "Es ist mit tiefer Traurigkeit und Bedauern verbunden, dass ich heute ankündige, dass ich persönlich vorhabe, die niederländische Reiterin Adelinde Cornelissen wegen Vorwürfen bezüglich ihres Pferdes Parzival anzuklagen."

Weiterhin schreibt sie auf ihrer Homepage: "Wir haben schon vereinzelt Zeugenaussagen gesammelt, aber wir heißen jeden willkommen hervorzutreten und persönlich auszusagen, was er beobachtet hat im Zusammenhang mit diesem Fall. (...) Ich werde die Beweise vor dem Prozessbeginn nicht diskutieren (...)". Aufgrund mehrerer Präzedenzfälle, bei denen Privatpersonen andere wegen Tieresmissbrauches angeklagt haben, malt sie sich gute Chancen für den Verlauf des Falles aus.

Das Fachmagazin 'Reiter Revue' berichtet, Cornelissen habe abgebrochen, weil der Wallach seine Zunge aus dem Maul hängen ließ. Allerdings ist das nicht zwangsläufig ein Zeichen für eine Erkrankung des Pferdes.

Die Dressurreiterin steht schon seit längerem wegen der sogenannten Rollkur, auch Hyperflexion genannt, in der Kritik. Dabei handelt es sich um eine umstrittene Trainingsmethode, bei der der Kopf des Pferdes seitwärts herabgezogen und mit den Zügeln zu seiner Brust gelenkt wird, um einen maximalen Dehnungsgrad zu erreichen. Der Vorgang, der für mehr Beweglichkeit und Losgelassenheit des Pferdes sorgen soll, wird in Fachkreisen seit Jahren heftig diskutiert.

"Das Pferd, das alles für mich gegeben hat (...), hatte das nicht verdient."

Adelinde Cornelissen hatte die ganze Olympia-Geschichte in einem Facebook-Post mit Fans und Tierfreunden geteilt, die für ihre Beweggründe größtenteils viel Verständnis aufbringen konnten. Sie schreibt: "Ich sah die rechte Seite seines Kopfes, die geschwollen war, und dass er gegen die Wände trat. Ich maß seine Temperatur: Er hatte über 40 Grad Fieber, obwohl er nicht krank aussah."

Noch unmittelbar nach dem Flug nach Olympia nach Rio de Janeiro sei mit ihrem 19-jährigen Parzival alles okay gewesen, er habe den langen Transportweg gut überstanden, schreibt sie. Doch als sie ihn so angeschwollen erblickte, fragte sie den Tierarzt Jan Greve vor Ort um Hilfe. Er diagnostizierte, dass Parzival möglicherweise von einem Insekt oder einem Tier, das Gift produziert, gebissen wurde.

Adelinde Cornelissen schildert, dass ihm über neun Stunden eine Flüssigkeit verabreicht werden musste, um die Leistung seiner Nieren zu unterstützen und das Gift aus den Blutbahnen zu bekommen. Die behandelnden Tiermediziner der Klinik nahmen mehrmals Proben von Parzival und stellten fest, dass das Fieber schließlich wieder sank und sein Kopf nur noch leicht angeschwollen war. Die Reiterin und ihr Team konnten aufatmen.

Adelinde Cornelissen bat beim FEI, der Dachorganisation des Pferdesports, um einen Tag mehr Erholung und darum, ob der Start verschoben werden könne. Doch das Glück sollte nicht länger auf ihrer Seite stehen. Die beiden mussten zum vereinbarten Datum starten.

Sie verbrachte die Nacht bei ihrem Dressurpferd und sah regelmäßig nach ihm. Am Tag des Wettkampfs sei Parzivals Temperatur wieder im normalen Bereich gewesen, er habe gesund und fit ausgesehen. Nach dem Warmreiten, das Parzival gut meisterte, sei sie darin bestärkt gewesen, an den Start zu gehen. Auch der FEI hatte grünes Licht für den Start gegeben.

In ihrem Facebook-Post teilte sie ihre Gedanken mit, die sie unmittelbar vor dem Start hegte: "Als ich die Arena betrat, fühlte ich schon, dass er mit allen Kräften sein Bestes gab und er ein Kämpfer ist, der niemals aufgibt… Aber um ihn zu schützen, gab ich auf. Mein Kumpel, mein Freund, das Pferd, das alles für mich gegeben hat sein ganzes Leben lang, hatte das nicht verdient." Und dann drehte sie um und brach den Wettkampf ab.

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