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Down-Syndrom: Ist der neue Bluttest Segen oder Fluch?

Nackenfaltenmessung: Wann sollte sie stattfinden?
Nackenfaltenmessung: Wann sollte sie stattfinden? Screening der Nackenfalten 00:03:18
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Neuer Bluttest entfacht Ethik-Debatte

In wenigen Wochen soll in Deutschland ein neuer Medizintest auf den Markt kommen, der Frauen schon ab der zehnten Schwangerschaftswoche Auskunft geben kann, ob ihr Kind das Down-Syndrom hat.

In wenigen Wochen soll in Deutschland ein neuer Medizintest auf den Markt kommen, der Frauen schon ab der zehnten Schwangerschaftswoche Auskunft geben kann, ob ihr Kind das Down-Syndrom hat.
In Deutschland werden jährlich etwa 700 Kinder mit Down-Syndrom geboren. © dpa, Armando Babani

Dieser relativ häufige Gendefekt hat geistige und körperliche Einschränkungen zur Folge. Mit den bisherigen Untersuchungsmöglichkeiten konnte die vorgeburtliche Diagnose erst später und mit weniger Bestimmtheit, aber mit größeren Gesundheitsgefahren für Mutter und Kind gestellt werden. Übrigens sollen diese Untersuchungen auch zukünftig nur in begründeten Verdachtsfällen und auf ärztliche Anordnung stattfinden. Aber haben Ungeborene mit dieser Diagnose dann überhaupt noch eine Chance auf die Welt zu kommen? An dieser Frage scheiden sich die Geister.

Fortschritt zum Segen der Menschheit?

Befürworter der pränatalen Diagnostik argumentieren damit, dass doch alles technisch Mögliche getan werden müsse, um Krankheiten schon vor der Geburt zu verhindern. Wird so nicht viel unnötiges Leid für die Eltern und eventuelle Geschwister, werden nicht zuletzt große finanzielle Belastungen für die ganze Gesellschaft vermieden? Ist denn ein eventuell schwerstbehindertes Leben überhaupt lebenswert?

Kritiker geben zu bedenken, dass die Anwendung der immer besseren medizintechnischen Möglichkeiten zu einem Ausmerzen nicht-perfekter Individuen führt - und damit letztlich zur Unmenschlichkeit. Wollen wir wirklich um jeden Preis immer sicherer, gesünder und risikoärmer leben - auch wenn das eine immer schärfere Ausgrenzung und Diskriminierung sogenannter Behinderter bedeutet?

Diese Diskussion bestimmt auch die aktuelle Arbeit des Ethikrates der Bundesregierung. Die neuesten Methoden der genetischen Diagnostik wurden nun in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft vorgestellt. Molekularbiologen der Konstanzer Firma Life Codexx haben den bahnbrechenden Bluttest entwickelt.

Eine simple Blutprobe der werdenden Mutter schon ab der zehnten Schwangerschaftswoche reicht für die Klärung, ob der Fötus die Erbanlagen für das Down-Syndrom, auch Trisomie 21 genannt, aufweist. Die winzigen Bruchstücke der kindlichen Erbgutstränge im Blut einer Schwangeren reichen modernsten Sequenziermaschinen für die sichere Diagnose - und das ohne jedes medizinische Risiko für Mutter oder Kind.

Bisher gibt es neben rein statistischen Wahrscheinlichkeitsberechnungen drei Möglichkeiten: Ab Ende der elften Schwangerschaftswoche kann durch die Messung der Nackenfalten des Ungeborenen per Ultraschall eine relative Wahrscheinlichkeit für die Erkrankung angegeben werden. Ab dem gleichen Zeitpunkt mehr Klarheit kann eine Gewebeprobe des Mutterkuchens, ab der 15. Woche eine Fruchtwasseruntersuchung bringen. Beide invasiven, also in die Körperhöhle eindringenden Methoden, verursachen aber bei (je nach Statistik) 0,3 bis zwei Prozent der Untersuchungen eine Frühgeburt und damit den Tod des ungeborenen Kindes.

Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung Hubert Hüppe (CDU) hat an der Sitzung des Ethikrates teilgenommen. Seine Haltung zum dort vorgestellten neuen Bluttest ist eindeutig ablehnend: "Jetzt Nein zu sagen zu solchen Frühuntersuchungen, wird für die Frauen noch schwieriger, der gesellschaftliche Druck wächst weiter. Und wo bleiben denn eigentlich mal die Forschungsgelder für die Unterstützung der Kinder und ihrer Familien?"

Damit spielt Hüppe auf den - aus seiner Sicht - skandalösen Umstand an, dass nämlich die Firma Life Codexx den neuen Bluttest mit Hilfe öffentlicher Gelder zur Wirtschaftsförderung mittelständischer Unternehmen entwickelt hat. Je häufiger der Test eingesetzt wird, desto lukrativer wird das Geschäft, und umso mehr Schwangerschaftsabbrüche werden folgen.

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