GESUNDHEIT GESUNDHEIT

Dominique Bertinotti und Brustkrebs: Darf man Schwäche zeigen?

Dominique Bertinotti und Brustkrebs: Darf man Schwäche zeigen?
© REUTERS, POOL

"Ich wollte zeigen, dass man Krebs haben und weiter arbeiten kann"

Frankreichs Familienministerin Dominique Bertinotti hatte Brustkrebs, sie verheimlichte ihre Krankheit, trug eine Perücke, biss die Zähne zusammen - und arbeitete weiter. Erst jetzt, nach Abschluss ihrer Chemotherapie, hat Bertinotti ihre Krankheit publik gemacht. Sie will Vorbild für andere Frauen sein – doch ist ihr Weg wirklich nachahmenswert?

Von Christiane Mitatselis

Dominique Bertinotti (59) bekam riesigen Applaus von Frankreichs Abgeordneten, als sie in der vergangenen Woche im Parlament erschien – zum ersten Mal, nachdem sie bekannt gemacht hatte, dass sie eine neunmonatige Chemotherapie-Behandlung gegen Brustkrebs hinter sich hat.

Sie habe nicht gewollt, dass ihre Krankheit "ins Zentrum ihrer Tätigkeit als Ministerin" rücke, sagte sie. Und: "Ich wollte zeigen, dass man Krebs haben und weiter arbeiten kann." Arbeitgeber müssten verstehen, dass ein langer Krankenstand nicht unbedingt die beste Lösung sei.

Nur ihre Familienangehörigen und Ministerpräsident François Hollande hatte sie über ihr Leiden informiert. Nur einmal, am Tag nach ihrer Operation, versäumte sie eine Sitzung.

Für ihre Haltung erntet Bertinotti in Frankreich Bewunderung, aber auch Skepsis. Ebenfalls an Brustkrebs erkrankte Frauen kritisieren, es sei gefährlich zu generalisieren und Bertinottis Fall zum Maßstab zu erheben. Denn daraus lasse sich ableiten, dass Patientinnen, die nicht weiter arbeiteten, Drückebergerinnen ohne Mumm seien.

Oder anders ausgedrückt: Nicht jede Frau ist eine so harte und schonungslose Kämpferin wie Bertinotti. Für die Pariser Geschichtsprofessorin und frühere Bürgermeisterin des 4. Arrondissements, die sich in ihrem Leben immer durchgebissen hat, wäre Mitleid und eine lange Pause wohl tatsächlich Gift gewesen. Sie hätte zu viel über die Krankheit gegrübelt, sich schwach gefühlt und wäre dabei verrückt geworden. So war für sie die Arbeit ein Teil der Therapie gegen den Krebs. Wer sich gut fühlt und mit sich selbst im Reinen ist, wird leichter wieder gesund.

Wann gilt man als starke Frau?

Andere Patientinnen brauchen hingegen viel Zuspruch, um mit einer Krankheit klar zu kommen. Sie räumen ihrem Leiden Raum ein, leben es aus, um es später hinter sich zu lassen.

Diesen Weg haben schon viele prominente Frauen gewählt, manche in extremer Art. So ließ sich die amerikanische Sängerin Anastacia im Jahr 2003 während ihrer ersten Brustkrebs-Operation und der anschließenden Chemotherapie vom Fernsehsender ABC begleiten. Sie führte zudem ein Videotagebuch, zeigte sich manchmal sehr schwach und traurig. Als sie sich zehn Jahre später die Brüste nach einem Rückfall komplett abnehmen ließ, machte sie auch das publik.

Anastacia wird genauso als starke Frau gefeiert wie Bertinotti – und zwar zu Recht: Sie lässt zwar Schwäche zu, ist aber ebenso kämpferisch.

Ein Richtig oder Falsch gibt es hier nicht. Der eine verhält sich, als sei nichts geschehen, der andere jammert, so viel er kann – oder tut ein bisschen von beidem. Jeder Kranke muss seinen Weg wählen – und ihn gehen dürfen.

Anzeige