ERZIEHUNG ERZIEHUNG

Doktorspiele: Bis wann sind Rollenspiele harmlos?

Kinder spielen gerne Doktorspiele, doch ab wann sind die nicht mehr harmlos?
Doktorspiele bei Kindern: harmlos oder sexueller Übergriff? © dpa, Jörg Carstensen

Wann sollten Eltern bei Doktorspielen einschreiten?

Damit hatte die Schauspielerin und Autorin Lena Dunham wohl nicht gerechnet, als sie ihre Autobiographie 'Not that Kind of Girl' verfasste. Konservative US-Fundamentalisten bezichtigen sie des sexuellen Missbrauchs ihrer kleinen Schwester. Sie berufen sich dabei auf eine Passage des Buches, in der sie beschreibt, wie sie als Siebenjährige der sechs Jahre jüngeren Grace zwischen die Beine schaut. Die Aufregung der Konservativen ist wie üblich übertourt, Eltern kleiner Kinder sind mit dem Thema 'Doktorspiele' allerdings oft überfordert, wissen nicht zu unterscheiden zwischen 'guten' und 'schlechten' Handlungen.

Von Christiane Mitatselis

Lena Dunham (28), Darstellerin und Produzentin der Serie 'Girls', eine Art Gegenentwurf zu 'Sex and the City', liebt drastische Worte und Beschreibungen, sie gehören zu ihrem Image der toughen Lady. Dazu passt die Passage ihrer Autobiographie, über die sich die fanatischen Blogger von truthrevolt.org nun ecchauffieren. Eines Sommertages habe sie die Neugier gepackt und die Vagina der kleinen Schwester untersucht. Sie habe dann nach der Mutter gerufen, da sich Grace Kieselsteinchen hineingeschoben habe.

Die USA sind insgesamt konservativer als Europa. Dass Menschen dort hysterisch auf die Beschreibung einer solchen Szene reagieren, ist kein Wunder. Allerdings ist das Thema kindliche Sexualität auch hierzulande ein schwieriges. Viele Eltern, aber auch Erzieher sind damit überfordert, manchen ist es peinlich. Man weiß zwar, dass Kinder ab einem gewissen Alter Doktorspiele betreiben. Doch wann sind sie harmlos - und wann sollten die Eltern einschreiten, damit die Beteiligten keinen Schaden nehmen?

Die Experten von 'Zartbitter e.V.', einem Verein, der gegen sexuellen Missbrauch von Kindern kämpft, liefern ausführliche Informationen zur Differenzierung zwischen harmlosen Doktorspielen und sexuellen Übergriffen.

Sind Doktorspiele "harmlose Spiele unter Gleichaltrigen"?

Bekannt ist: Doktorspiele gehören zur natürlichen Entwicklung von Kindern im Grund-und Vorschulalter. Schon Babys befassen sich mit dem eigenen Körper, entdecken ihn. Ab dem Alter von etwa zwei Jahren beschäftigen sich Kinder häufig auch mit Gleichaltrigen, die sie in ihre Körpererkundungen mit einbeziehen. Später kommen Rollenspiele hinzu: Das klassische Doktorspiel, oder auch Vater-Mutter-Kind-Spiele.

Wichtig dabei ist, darauf weist 'Zartbitter' hin: Es darf keine Art von Zwang im Spiel sein, Kinder entscheiden selbst, mit wem sie sich einlassen, kein Kind darf überredet werden mitzumachen. Es gibt auch Kinder, die überhaupt kein Interesses an Doktorspielen haben.

Harmlose Spiele finden grundsätzlich unter ungefähr Gleichaltrigen statt, die sich auf dem gleichen Entwicklungsstand befinden. Die Doktorspiele sind 'gleichberechtig und gegenseitig'. Kein Kind darf untergebuttert oder zu Dingen verleitet werden, die es gar nicht will, oder gar verletzt werden.

Falls so etwas geschieht, müssen die Eltern einschreiten. Die von Lena Dunham beschriebene Szene befindet sich bereits im Bereich, in dem Eltern aktiv werden sollten, damit sie sich nicht wiederholt. Eine Einjährige ist einer Siebenjährigen hilflos ausgeliefert - von Gegenseitigkeit kann nicht die Rede sein. Ganz wichtig auch: Größere Kinder, die über das Grundschulalter hinaus sind, oder gar Erwachsene, haben bei Doktorspielen nichts zu suchen. Einschreiten sollten Eltern auch, falls sich Kinder Gegenstände in Körperöffnungen stecken.

'Zartbitter' weist darauf hin, dass einmalige, unbeabsichigte Verletzungen noch kein Grund zu allzu großer Besorgnis seien. Treten sie jedoch häufig auf, ist Sorge angebracht. Wer unsicher ist oder nicht mehr weiter weiß, sollte sich an eine Beratungsstelle oder ans Jugendamt wenden. Es gibt dort viel Informationsmaterial zu dem Thema.

Anzeige