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Diskussion um Equal Pay Day: Ist die Gehalts-Lücke doch nur ein Rechenfehler?

Diskussion um Equal Pay Day: Ist die Gehalts-Lücke doch nur ein Rechenfehler?
© imago/Westend61, imago stock&people

De facto 21 Prozent Lohnunterschied

79 lange Tage – vom 1. Januar bis zum 19. März – arbeiten Frauen in Deutschland quasi umsonst. Diese 79 Arbeitstage symbolisieren die Lohnlücke, die Gehaltszettel von Männern von Gehaltszetteln von Frauen unterscheiden. Errechnet wird das Ganze nach einem komplizierten und nicht un-umstrittenen Verfahren. Pünktlich zum aktuellen Equal Pay Day hat sich nun das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) zu Wort gemeldet – und verkündet, dass es jene vielzitierte Lohnlücke im Grunde gar nicht gibt.

Von Ursula Willimsky

Alles eine Frage der Betrachtungsweise. Fangen wir mit den mehr oder weniger harten Zahlen an:

•Das IW kommt auf einen minimalen Unterschied von zwei Prozent, vorausgesetzt, man berücksichtigt alle Faktoren wie Jobpausen, Firmengrößen und Berufswahl.

•Das Hamburgische Weltwirtschafts-Institut (HWWI) hat als „unerklärbaren“ Lohnabstand immerhin schon 2,3 Prozent errechnet.

•Das Statistische Bundesamt spricht von einem „bereinigten“ Wert, der Männer und Frauen mit vergleichbaren Qualifikationen, Tätigkeiten und Erwerbsbiografien vergleicht. Aktuell liegt er bei etwa 7 Prozent, wobei das Bundesamt einräumt, dass diese Zahl vermutlich geringer ausgefallen wäre, wären denn mehr Informationen – zum Beispiel zu Erwerbsunterbrechungen – zur Verfügung gestanden.

•Und dann gibt es noch diese fette offizielle Zahl von 21 Prozent, die ebenfalls vom Statistischen Bundesamt stammt: Um so viele Prozentpunkte unterschied sich 2015 der durchschnittliche Bruttostundenverdienst von Frauen (16,20 Euro) und Männern (20,59 Euro). Das wiederum klingt auf den ersten Blick verdammt ungerecht; anhand dieser Zahl wird übrigens auch das Datum des symbolischen Equal Pay Days bestimmt.

Was gilt denn nun? Wenn die 2-Prozent-Fraktion recht hat – wofür brauchen wir dann diesen Equal Pay Day überhaupt noch? Wenn die 21-Prozent-Fraktion recht hat: Wieso sind dann so viele niedrigere Zahlen im Umlauf?

Vermutlich, weil alles irgendwie stimmt – je nachdem, welche Maßstäbe man anlegt und welche Rahmenbedingungen man betrachtet. Vergleicht man die gleich qualifizierte Frau mit selben Familien- und Bildungsstand, die keine nennenswerten Job-Pausen eingelegt hat und in einem gut zahlenden Großunternehmen Vollzeit in einem technischen-orientierten Beruf arbeitet mit einem Mann: Tja, dann wird man da vermutlich nur wenige Unterschiede finden.

Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung spricht dagegen von einer „zweigeteilten Arbeitswelt“. Die Arbeitsbedingungen in Männerberufen entsprächen typischerweise dem Leitbild des vollzeitberuflichen Familienernährers, Frauenberufe dienten häufig eher dem Zuverdienst neben den familiären Pflichten. Das spiegele sich nach wie vor in den Arbeitszeiten wider: In Männerberufen beträgt die durchschnittliche Arbeitszeit 43,4 Wochenstunden, bei Frauenberufen sind es 32,7 Stunden.

Das Fazit der Studie: In Männerberufen müsse es ein Umdenken geben, das „Ideal des uneingeschränkt zur Verfügung stehenden Arbeitnehmers“ sollte also passé sein. Andererseits müsse sichergestellt werden, dass Frauenberufe eine eigenständige Existenzsicherung ermöglichen. Die Lohnschere lässt grüßen. Zumal sie eben nicht jede Ungleichheit erfasst.

Gerecht kann ganz schön ungerecht sein

Die Landeszentrale Politische Bildung Rheinland-Pfalz bringt es schön auf den Punkt: „Die Tatsache, dass Frauen und Männer mehrheitlich noch immer eine unterschiedliche Berufswahl treffen und die bevorzugt von Frauen erlernten Berufe schlechter bezahlt werden, spielt bei „bereinigten Lohnunterschied“ keine Rolle.“ Ein Krankenpfleger verdient ähnlich mies wie eine Krankenschwester – so gesehen eine gerechte Sache. Ob ihr Gehalt in diesem typischen Frauenberuf angesichts der Arbeitszeiten und der Verantwortung gerecht ist, ist die andere Frage.

Teilzeitbeschäftigung, familienbedingte Auszeiten oder Dauer der Betriebszugehörigkeit spielen beim Thema Gehalt eine Riesenrolle. Vieles davon ist Weiberkram – und verdammt wichtig, damit unsere Gesellschaft überhaupt funktioniert. Nur: In vergleichbare statistische Zahlen lassen sich diese Werte eben nicht immer übersetzen.

Klar ist scheinbar selber schuld, wer wegen der Kinder von Vollzeit auf Teilzeit zurückschraubt. Aber oft geht es nicht anders – welcher Kieferorthopäde vergibt schon Termine nach 18 Uhr, damit er eine Zahnspange anpassen kann? Wer betreut die Kinder, wenn einer der Partner jede Woche auf Dienstreise muss? Nur mal so als Beispiel. Irgendjemand muss all das, was so schön als „unentgeltliche Tätigkeiten“ bezeichnet machen, machen. Aber als Teilzeit-Frau die Karriere- und damit die Gehaltsleiter hochzuklettern, ist nahezu unmöglich. Auch nicht, wenn Qualifikation und Motivation stimmen.

Und so sollte man sich vielleicht gerade am Gender Pay Day fragen, ob der eigentliche Auftrag dieses Tages überhaupt auf „Gleiches Gehalt für gleiche Arbeit“ zielt - oder es nicht auch um etwas ganz anderes, noch viel grundlegenderes, geht: Um eine angemessenere Bezahlung für ganze Branchen zum Beispiel. Oder um Rahmenbedingungen – politisch und auch gesellschaftlich - die so etwas wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf überhaupt erst möglich machen.

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