#DirenKahkaha: Türkinnen lachen über Lachverberbot

#DirenKahkaha: Türkinnen lachen über Lachverberbot

Türkische Frauen wollen sich das Lachen nicht verbieten lassen

Bülent Arincs, Vize-Regierungschef der Türkei, mag es nicht, wenn Frauen in der Öffentlichkeit laut lachen. Der 66-jährige Politiker findet solch ein Verhalten unkeusch, es laufe der weiblichen Sittlichkeit entgegen. Dafür lachen ihn türkische Frauen nun kräftig aus.

Von Christiane Mitatselis

Verbieten will Bülent Arinc den Frauen das Lachen nicht völlig, sie sollten sich seiner Meinung nach aber kontrollieren, um ihre Keuschheit nicht zu gefährden. Eine keusche Frau „wird nicht vor jedermann laut loslachen und ihre Reize zur Schau stellen“, sagte Arinc in dieser Woche auf einer Veranstaltung zum Ramadan-Fest – und er haderte: „Wo sind unsere Mädchen, die leicht erröten, ihren Kopf senken und die Augen abwenden, wenn wir in ihre Gesichter schauen, und damit zu einem Symbol der Keuschheit werden?“

Arinc scheint zu viele Romantik-Filme gesehen zu haben, vielleicht Jane-Austen-Verfilmungen, in denen tugendhafte, wohlerzogene Damen ihre Kavaliere im 19. Jahrhundert mit sittlicher Zurückhaltung entzücken. Seine Vorstellungen von Schicklichkeit stammen jedenfalls aus einem anderen Jahrhundert. Der Politiker, einer der Gründer der regierenden AKP, erntete zu Recht viel Kritik, Hohn und Spott.

Ekmeleddin Ihsanoglu, Kandidat der Oppositionsparteien für die Präsidentschaftswahlen am 10. August, teilte auf Twitter mit, kaum etwas brauche die Türkei so sehr wie das Lachen von Frauen. Die türkischen Frauen selbst lachen über den Vorschlag zur Lachbeschränkung. Unter dem Schlagwort #Kahkaha (Lachen) posten sie bei Twitter Fotos ihrer lachenden Gesichter. Auch Männer machen mit. Die Fernsehjournalistin Banu Güven rief zu wöchentlichen Lach-Demonstrationen auf.

"Über so viel Unfug könnte man laut loslachen"

Aber es gibt noch weitere Gründe, Arinc auszulachen. Der Sittenwächter hat an den türkischen Frauen des 21. Jahrhunderts noch mehr auszusetzen. Er findet, sie telefonierten zu viel. Es sei unnötig, stundenlange Gespräche mit dem Handy zu führen. Frauen sollten sich lieber treffen, um zu tratschen und Kochrezepte auszutauschen. Weiterhin hat er in der türkischen Gesellschaft eine "Sex-Abhängigkeit" ausgemacht, und empfiehlt als Gegenmittel die Lektüre des Korans.

Man könnte über so viel geballten Unfug nun laut loslachen, doch ganz so einfach ist es nicht. Arinc ist nicht irgendein verschrobener Tugendwächter, dessen Reden im Nirgendwo verhallen, sondern einer der führenden Politiker der Türkei. Das Land ist traditionell gespalten, vermutlich hat Arinc den vielen Ultrakonservativen aus der Seele gesprochen, wahrscheinlich beklagen sie genauso wie er den angeblichen Werteverfall in modernen Metropolen wie Istanbul oder Izmir. Arinc wird seine Tugend-Tirade nicht zufällig kurz vor den Parlamentswahlen losgelassen haben, er wird damit Stimmen gewinnen wollen.

Zum Glück ist Lachen ansteckend. Wer sich die vielen fröhlichen Frauen-Gesichter bei Twitter anschaut, der muss mitlachen. Und Arinc auslachen. Er hat es verdient.

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