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Die 'Pille danach' bald ohne Rezept aus der Apotheke?

Soll die "Pille danach" bald rezeptfrei in der Apotheke erhältlich sein?
Soll die "Pille danach" bald rezeptfrei in der Apotheke erhältlich sein? © picture-alliance/ dpa/dpaweb, Lehtikuva ville myllynen

'Pille danach' - in vielen EU-Ländern ohne Rezept

Stellt Euch folgende Szene vor: Ihr seid Samstag Abends mit Euren Freundinnen unterwegs, späht zwei Tische weiter einen supersüßen Kerl aus - und er scheint auch nicht uninteressiert. Ihr kommt Euch näher, so nahe, dass Ihr ihn mit nach Hause nehmt, um eben mehr zu tun, als mit ihm eine Tasse Kaffee zu trinken. Und dann passiert es: Vielleicht vergesst Ihr einfach im Eifer der Leidenschaft, ein Kondom zu benutzen. Oder das Gummi reißt. Was macht Ihr dann?

Von Ursula Willimsky

Wer sicher gehen will, nicht schwanger zu werden, muss sich die sogenannte "Pille danach" organisieren. In 28 europäischen Ländern gibt es diese Pille danach ohne Rezept in der Apotheke. In Deutschland nicht. Hierzulande braucht man ein Rezept. Von einem Frauenarzt oder aus der Notfall-Ambulanz einer Klinik. Viele Frauen empfinden das als Hürde. Und immer wieder wird deshalb diskutiert, ob nicht auch in Deutschland die Rezeptpflicht für die "Pille danach" abgeschafft werden sollte. Jüngst schlug die Gesundheitsbehörde des Landes Bremen eine Liberalisierung vor. Doch der Antrag scheiterte auf einem Treffen aller Landesministerien. Der Disput zwischen Befürwortern der Rezeptpflicht und denen, die sie abschaffen wollen, geht in die nächste Runde.

"Pro famila" zum Beispiel kämpft seit Jahren darum, die Pille danach auf Levonorgestrelbasis von der Rezeptpflicht zu befreien.

"Wir wollen, dass alle Frauen guten Zugang zu allen Verhütungsmitteln haben", sagt die Sprecherin von pro familia. Die Levonorgestrel-Präparate gelten nach ihrer Aussage als reine Verhütungsmittel, denn sie wirken, bevor eine Schwangerschaft überhaupt entstehen kann. Ihr Nachteil: Sie müssen recht zeitnah eingenommen werden, auf jeden Fall innerhalb von 72 Stunden. Je länger der ungeschützte Geschlechtsverkehr zurückliegt, desto geringer sei die Wirkung.

Der Verband setzt sich dafür ein, dass es diese Präparate in jeder Apotheke einfach so gibt. Die Gefahr, dass die "Pille danach" dazu verführe, mit der Verhütung zu schlampern, sieht pro famila - gestützt auf internationale Studien - nicht: "Die Notfälle sind ja da, wir würden sie ja nicht erzeugen, nur weil wir den Zugang zu den Notfall-Mitteln erleichtern".

Pro familia argumentiert, dass Verhütungsmittel jederzeit leicht zugänglich sein müssten, um Frauen gar nicht erst in die Situation zu bringen, "es im Notfall daraufankommen zu lassen. Tausendmal lieber eine Pille danach als eine ungewollte Schwangerschaft oder ein belastender Abbruch." Da die "Pille danach" auf Levonorgestrelbasis keine ernsthaften Nebenwirkungen habe, gebe es keinen Grund, auf die ärztliche Beratungspflicht zu beharren. Zumal viele Frauen vor dem Gang zu Arzt - oder eben am Wochenende in eine Klinik - zurückschreckten.

2008 befragte pro familia Frauen online zu ihren Erfahrungen mit der "Pille danach". Viele beklagten unter anderem, dass sie sehr teuer sei - Notfallgebühren etc. summierten sich. Manche mussten sogar das Rezept als privatärztliche Leistung bezahlen. Sie klagten über lange Wartezeiten in Kliniken. Oder mussten erleben, dass Krankenhäuser mit konfessionellem Hintergrund die "Pille danach" gar nicht erst verschrieben. Gerade im ländlichen Raum beklagten vor allem Jugendliche, dass sie Angst vor fehlender Anonymität hatten. Und auch ältere Frauen sorgten sich nicht nur wegen der Kosten sondern auch wegen der Angst vor moralischer Bewertung.

Ärzte plädieren für Rezeptpflicht der 'Pille danach'

Wer sitzt schon gerne nachts um eins im Warteraum einer Klinik, um dann einem Arzt anzuvertrauen, dass mit der Verhütung etwas nicht geklappt hat? "Müssen Sie ja überhaupt nicht", kontert die "Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe". Die wissenschaftliche Organisation der Frauenheilkunde in Deutschland plädiert für eine Beibehaltung der Rezeptpflicht. Zumal in den meisten Fällen gar nicht mehr Levonorgestrel verwandt würde, sondern ein Arzneimittel mit dem Wirkstoff "Ulipristal", das eine höhere Wirksamkeit und Sicherheit habe als "Levonorgestrel": "Ulipristal" wirke bis zu fünf Tage nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr - niemand müsse also am Wochenende in die Notfall-Versorgung, es reiche, am Montag den Gynäkologen aufzusuchen. Was in diesem Falle auch nötig sei, denn im Gegensatz zu Levonorgestrel könne Ulipristal im Falle einer noch unbemerkten Schwangerschaft die Fötus schädigen. Es darf also nur von Frauen eingenommen werden, die sicher nicht schwanger seien.

Der Gynäkologen-Verband pocht auf die Rezeptpflicht. "Allein schon, um eine ausreichende Beratung gewährleisten zu können", so Professor Friese, der Präsident der DGGG. So ginge es ja nicht nur darum, eine Schwangerschaft zu verhüten, sondern auch darum, eine Frau vor Geschlechtskrankheiten bis hin zu einer HIV-Infektion zu schützen - "wer ungeschützten Verkehr - vielleicht sogar mit einem unbekannten Partner - hatte, sollte auf jeden Fall nach acht bis zwölf Wochen noch einmal zu einer Untersuchung der Blutbildes kommen, um Infektionen zum Beispiel mit dem HI-Virus ausschließen zu können."

Zudem läge es in der Verantwortung von Ärzten, Gewaltanwedungen auszuschließen - und vielleicht auch bei Frauen, die sich häufiger die "Pille danach" verschreiben ließen, in einem Beratungsgespräch auf ein anderes Verhütungskonzept hinzuwirken - "Beratungen, die in der Apotheke kaum geleistet werden können" wie es in einer aktuellen Stellungnahme der DGGG heißt.

Wie ist Eure Meinung? Sollte Levonorgestrel als "Pille danach" auch in Deutschland ohne Rezept erhältlich sein? Habt Ihr selbst schon einmal die "Pille danach" gebraucht – und wie waren Eure Erfahrungen?

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