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Die moderne Großmutter: Welche Rolle spielt die Oma heute?

Die moderne Großmutter: Welche Rolle spielt die Oma heute?
© Nejron Photo - Fotolia, Andrejs Pidjass

Die neuen Großmütter: Lieber Ego als Enkel?

Aus gegebenem Anlass (Aktuelle Rentendebatte. "Wie lange muss ich denn nun eigentlich noch arbeiten?“) kam kürzlich das Thema Alter auf. Und damit wurde die Erkenntnis aufgeworfen, wie sich die Zeiten doch verändert haben. Tenor: Früher war alles besser. Früher – da gab es nämlich noch anständige Männer (MacGyver) und anständige Großmütter (Kittelschürze). Und heute? Gibt es kaum noch Männer, die aus einem Kaugummi eine Atombombe basteln können. Und die Großmütter sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Waren sie früher gefühlt immer daheim und haben was Leckeres gekocht (Fleisch, Kohlenhydrate, Fett und ein Schälchen Apfelkompott als vitaminreichen Nachtisch), sind sie heute häufig unterwegs. Sprich: Man kann Oma nicht unbedingt am Wochenende besuchen, denn da ist sie wahrscheinlich zum Saisonabschluss noch mal ins Zillertal zum Skifahren. Aber dafür hat sie auf ihrem Smartphone viele Bilder von den Enkeln dabei, die sie dann bei einem Aperol Spritz herumzeigt.

Ursula Willimsky

Wenn man sich all die Berichte und Erzählungen über die aktiven Alten anhört, könnte man fast glauben, dass es wirklich so ist. Wobei es eigentlich nicht stimmen kann, dass das Gros der Großeltern den Lebensabend zwischen Bali und Baden-Baden verbringt. Immerhin reden wir hier ja von einer Generation, die nicht nur von Zipperlein, sondern auch von Dingen wie Altersarmut geplagt ist. Die vielleicht die Rente mit einen Nebenjob aufstocken muss. Oder ganz froh ist, nach einem arbeitsreichen Leben einfach mal daheim seine Ruhe zu haben. Wenn sie nicht ohnehin noch selbst berufstätig ist.

Und auch die Statistik spricht dagegen, dass die "neuen Alten" eine Generation von Drückebergern sind, die Yoga-Kurse und Selbstverwirklichungstrips lieber haben als ihre Enkelchen. 60 Prozent der Großeltern betreuen nämlich regelmäßig ihre Enkel, 37 Prozent davon sogar mehrmals die Woche. Mehrere hundert Stunden im Jahr widmen sie der Aufzucht der übernächsten Generation. Im Durchschnitt: Sechs Stunden pro Woche.

Das tun sie meistens gerne. Aber irgendwie wird es auch von ihnen erwartet: Bei einer repräsentativen Umfrage eines Magazins waren stolze 62 Prozent aller Deutschen der Meinung, dass Großeltern "moralisch dazu verpflichtet" seien, sich um ihre Enkel zu kümmern. (Zahlen, wie viele dieser 62 Prozent auch der Meinung waren, dass Oma nicht nur Kinder hüten, sondern gerne auch aktiv an der Erziehung mitwirken darf, liegen uns aber nicht vor.)

Aber woher kommt dann dieser Eindruck, dass die aktiven Alten auf diese Art von moralischer Verpflichtung pfeifen? Und lieber ihr eigenes Leben leben, statt permanent als unbezahlter Babysitter auf stand by zu sein? Wahrscheinlich liegt´s daran, dass sie sich einfach nicht mehr so benehmen, wie wir das von einer Oma erwarten (und wie wir selbst natürlich nie werden wollen).

Viele Omas leben in der Nähe ihrer Enkelkinder

Das kann jetzt auch ein subjektiver Eindruck sein, aber sie scheinen nicht mehr automatisch der einzige Mensch im Leben von Kindern zu sein, der keine Termine hat. Meine Großmütter gingen sonntags in die Kirche – das war´s. Mehr feste Termine gab es nicht.

Beide Omas hatten die Ruhe weg. Erfindungen wie Seniorengymnastik wären sie mit Misstrauen begegnet. Und dafür hätten sie auch gar keine Zeit gehabt, mussten sie doch erst einen Mohnkuchen backen und dann noch ein bisschen Unkraut zupfen. Sie waren beide Bilderbuch-Omas. Mit hochgesteckten Zöpfen und der obligatorischen Kittelschürze. Und wenn wir von ihnen wieder weggingen, hatten wir eine Riesentüte mit klebrigen Süßigkeiten im Arm. Immer.

Das müsste sich eine Großmutter von heute mal trauen! Wahrscheinlich würde sie von ihrer Tochter moralisch auf eine Stufe mit Dritte-Welt-Diktatoren gestellt, wenn die Süßigkeiten nicht nachweislich aus kontrolliert biologischem Anbau und fairem Handel stammten. Vielleicht würde die Oma von heute aber auch nach dem Besuch eines Ayurveda-Seminars gar nicht auf die Idee kommen, ihr Enkelkind mit Zucker zu vergiften.

Aber ist das nun unbedingt schlechter? Die neuen Omas sind oft deutlich anders als die Omas früher. Aber in vielen Dingen sind sie dann doch noch die Alten. Überraschend viele von ihnen – nämlich ein Viertel - leben immer noch in der Nähe ihrer Kinder und Enkelkinder. Da kann man dann schon mal kurz aushelfen, wenn nicht gerade der "Fit-im-Alter-Kurs" läuft. Dafür sind die, deren Kinder es in die Fremde zog, oft erstaunlich flexibel.

Meine Omas wären noch nicht einmal auf die Idee gekommen, einen Führerschein zu machen. Die Prototyp-Oma von heute – also eine aktive Frau im besten Alter – hat häufig ein eigenes Auto. Das prophylaktisch schon mal mit einem Zweit-Satz Kindersitze bestückt ist. Und wenn Not am Mann oder der Oma ist, setzen sie sich schon mal ins Auto, in den Flieger, in den Zug und fahren zu ihrer Familie.

Ansonsten wird eben abends mal gescypt. Aber natürlich nicht zu lange, man muss sich ja noch den grauen Haaransatz nachtönen. Liegt´s am gesteigerten Attraktivitäts-Bewusstsein? Oder an der Tatsache, dass man früher vielleicht härter körperlich arbeiten musste? An einer Kombination aus beidem? Auf jeden Fall scheinen die Omas von heute jünger zu sein als damals. Auch wenn sie auf dem Papier oft älter sind. Aber an der Zuneigung zu ihren Enkeln dürfte das wahrscheinlich kaum etwas ändern.

"Ich hab ja leider keine Großmutter, die mir mit den Kindern mal hilft!" – diesen Satz hört man in Mütterkreisen oft. Aber ob es wirklich daran liegt, dass die Omas ihrer "moralischen Verpflichtung“ heutzutage nicht mehr nachkommen? Hmmmm. Vielleicht liegt es auch daran, dass diese Omas ihren Töchter zu einer guten Ausbildung verholfen haben. Und der passende Job eben 680 Kilometer entfernt vom Heimatort ist. Einfach mal nachmittags Kaugummigeld bei der Oma betteln wird dann für die Enkel natürlich schwierig.

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