Die Macht von Bildern: Wie nah gehen uns Tragödien?

Die Macht von Bildern: Wie nah gehen uns Tragödien?
© Taslima Akhter/Facebook

Ändert die Macht von Bildern die Tragödie?

Als in Bangladesch eine Nähfabrik einstürzte, feierte ich gerade den Geburtstag meines Mannes. Erst zwei Wochen später habe ich das Unglück bewusst in den Nachrichten verfolgt, als bekannt wurde, dass eine Frau lebend aus den Trümmern geborgen wurde. Heute ist mir das Unglück wieder nahe gegangen, als ich das Foto der beiden eng umschlungenen Toten sah. Doch wird meine Anteilnahme etwas an den Arbeitsbedingungen der Näherinnen ändern? Oder müssen erst schreckliche Bilder veröffentlicht werden, bevor die Öffentlichkeit aufmerksam wird?

Von Sabine Möller

Mir schnürt es fast die Kehle zu, wenn ich dieses Bild sehe. Es macht mich betroffen, traurig und gleichzeitig fassungslos. Wenn es überhaupt angesichts dieser Tragödie noch eine Steigerung der Fassungslosigkeit gibt! Wie verzweifelt müssen diese beiden gewesen sein, als sie merkten, dass dies ihr letzter Atemzug gewesen sein muss. Haben sie sich aneinander geklammert, um nicht allein zu sterben? Erhoffte sich einer der beiden Rettung, wenn er sich an den anderen klammert?

So viele Fragen bleiben offen angesichts dieses Bildes. Und ja, ich nehme Anteil an ihrem Unglück. Dennoch stell ich mir die Frage, wie nahe mir dieses Bild gehen soll. Es wühlt mich auf, aber was noch? Ob sich die Bedingungen für die Näherinnen ob dieses Bildes ändern werden? Ich weiß es nicht.

Die Macht der Bilder - haben sie Einfluss auf uns?

Die Fotografin des Bildes, Taslima Akhter, ist Aktivistin und setzt sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Näherinnen in Bangladesch ein. Ihr Bild geht um die Welt. Im Interview mit Spiegel Online erzählt sie, dass sie für das Bild heftige Kritik erhält, weil sie den Toten sehr nah kommt.

Natürlich ist der Anblick der Toten kein schöner und es klingt wohl sehr pragmatisch, wenn ich sage „Der Zweck heiligt die Mittel“. Wenn nicht so, wie realisieren wir sonst, unter welchen Bedingungen die 1.100 Menschen dort gearbeitet haben? Erst mit dem Bild wissen wir, dass dort Menschen für einen Hungerlohn unter schlimmsten Bedingungen schuften. Dass die Toten dafür sinnbildlich stehen, ist reiner Zufall. Doch das Schicksal sollte uns nicht kalt lassen. Das Patentrezept, wie mit der Tragödie umgegangen werden soll, gibt es nicht. Jeder muss für sich selber entscheiden, wie er diesen Menschen helfen kann. Wir können aber – jeder einzelne – dafür sorgen, dass solche Tragödien nicht geschehen. Indem wir keine billige Kleidung für drei Euro kaufen, zum Beispiel.

Ob das Bild der beiden Toten genauso Geschichte macht wie das des kleinen, vietnamesischen Mädchens, das nach dem Napalm-Bomben-Angriff der USA auf ihr Dorf nackt flieht? Das Foto der damals neunjährigen Kim Phuc entstand 1972 und gehört heute zu den Bildern der Menschheitsgeschichte. Erst mit diesem Bild hat die Welt Anstoß an diesem verheerenden Unglück genommen.

Oder das Bild des jungen Grenzsoldaten Conrad Schumann, der am 13. August 1961 in Berlin über einen Stacheldrahtzaun flieht – von der sowjetischen Besatzungszone in den Westen. Weder der Fotograf noch der Grenzsoldat hätten es wohl für möglich gehalten, dass dieses Bild Jahrzehnte für den Mauerbau steht. Danach ging das Bild um die Welt und die erfuhr, dass da in Berlin eine Betonmauer aufgebaut wird. Zum Abbruch der Mauer hat das Veröffentlichen nicht gereicht. Erst 28 Jahre später gingen Bilder um die Welt, wie die Mauer tatsächlich fiel.

Wir Menschen werden so sehr von Bildern und Nachrichten überflutet, dass wir sie nicht mehr bewusst wahrnehmen und wieder vergessen. Und deshalb brauchen wir offenbar schockierende Beweise für das, was Tatsache ist: Dass Leid menschlich ist und nicht bloß eine anonyme Zahl. Es hat ein Gesicht und eine Geschichte.

Anzeige