Die halbe Frau

Die halbe Frau

Seit sie denken kann, hat Rose Siggins aus Pueblo in Colorado eine große Leidenschaft: Motoren. Rose Siggins ist Automechanikerin. Eine der wenigen Frauen in einer von Männern dominierten Berufswelt. Aber nicht das macht sie wirklich einzigartig. Es ist ihre Behinderung. Rose hat nur einen halben Körper.

Sie wurde mit einer seltenen Knochenkrankheit geboren. Seitdem verblüfft sie die Mediziner und Experten damit, wie sie alle Schwierigkeiten meistert. Sie und ihr Körper haben sich buchstäblich ans Leben angepasst. "Man kann sagen, ihre Schultern sind zu ihren Hüften geworden. Ihre Ellbogen zu ihren Knien und aus ihren Handgelenken wurden ihre Knöchel. Allein das ist absolut verblüffend", sagt ihr Arzt Dr. Simonich. 33 Jahre lang hat Rose sich geweigert, irgendwelche Grenzen zu akzeptieren. Im letzten Jahr, so scheint es, hat sie diese Grenze überschritten. Es ist das härteste Jahr ihres Lebens.

Die Krankheit, die Rose berühmt gemacht hat, nennt sich Sakrale Agenesie. Kurz nach der Geburt mussten ihre Beine, Hüften und ein Teil des Beckens amputiert werden. Aus Rose wurde das Mädchen ohne Unterleib. Eine lokale Berühmtheit, bis heute permanent beobachtet von Zeitungs- und Fernsehreportern. Aber auch ein Opfer von Spott und Hänseleien. "Kinder waren gemein zu mir, weil sie mich nicht kannten oder Angst vor mir hatten. Die meisten haben mich beschimpft. Ich musste schon sehr früh lernen, damit klar zu kommen", sagt sie. Aber Rose wächst mit einer Ausstrahlung heran, mit der sie viele Freunde gewinnt, später sogar Verehrer. Mit Mitte 20 kommt sie mit Dave Siggins zusammen. Gemeinsam treffen sie eine Entscheidung, bei der Rose ihr Leben aufs Spiel setzt. Denn nie zuvor hatte eine Frau mit ihrer Krankheit ein Baby zur Welt gebracht. Nur eine ganz spezielle Art des Kaiserschnittes, bei der die Gebärmutter von oben nach unten geöffnet wird, machte die Geburt ihres Sohnes möglich: Luke Siggins. Ein medizinisches Wunder. Heute ist er acht Jahre alt.

Schwangerschaft und Geburt von Luke waren fast problemlos verlaufen. Obwohl die Ärzte gewarnt hatten, Rose würde die Schwangerschaft möglicherweise nicht überleben. Sie hatte großes Glück meinten die Mediziner danach. Ein Glück, das sie nicht ein zweites Mal herausfordern sollte. Aber vor zwei Jahren rief Rose ihren Arzt an und erzählte ihm, sie plane ein Geschwisterchen für Luke. Obwohl der Mediziner ihr von dem Vorhaben dringend abriet, kümmerte sich Rose nicht darum. Sie wurde schwanger, diesmal ein Mädchen. Shelby. Und es geschah das, wovor die Ärzte sie gewarnt hatten. Es gab von Anfang an große Probleme. "Die Ärzte haben Angst, wenn mein Bauch wächst, kann meine Gebärmutter aufspringen, so wie ein Ei und in zwei Hälften reißen. Dann kriege ich starke innere Blutungen. Ich hatte solche Angst. Ich dachte, hättest Du mal mehr gebetet. Ich dachte, das wars jetzt. Du hast es getan, du hast ein gutes Leben gelebt, Rose. Du hattest Deine Chance. Aber, wie meine Mum schon immer sagte, du weißt einfach nicht, wann Schluss ist", sagt Rose.

An Weihnachten schaffte Rose es ausnahmsweise, das Bett zu verlassen. Jetzt bekam sie Steroide, um Shelbys Wachstum zu beschleunigen. "Am zehnten Januar bin ich mit furchtbaren Schmerzen aufgewacht und ich hab zu meinem Mann gesagt: weißt du Dave, ich mag keine Krankenhäuser, überhaupt nicht. Ich habe Angst vor ihnen, weil ich meine halbe Kindheit dort verbracht habe. Aber jetzt muss ich wirklich dorthin, dringend", erinnert sich Rose. Mit dem Gefühl, ihre Gebärmutter reiße auseinander, machte sich Rose mit ihrem Mann auf den Weg. Die Frau, die bekannt und berühmt dafür war, alles zu schaffen, fuhr mit dem Gefühl in den OP, ihr Glück diesmal zu sehr herausgefordert zu haben. Es sah ganz so aus, als würden die schlimmsten Befürchtungen wahr. Die Kaiserschnitt-Operation dauerte viel länger als bei gesunden Frauen. Fast 30 Minuten brauchte Dr. Weary, um den Bauch zu öffnen und an die Gebärmutter zu gelangen. Eine Zeit, in der Rose und somit auch ihr Baby unter Vollnarkose lagen. Erst nach einer dreiviertel Stunde gelang es den Ärzten, Shelby zu holen. Doch das Baby atmete nicht. "Sie hören kein Babygeschrei, sie hören nur dieses Geräusch des Sacks und der Maske, wie sie zusammengedrückt werden, um die Atmung für sie übernehmen", sagt Dr. Kevin Weary. Und dann auf einmal: das schönste Geräusch der Welt. Das Baby schreit. Shelby lebte - und sie war kerngesund.

"Ich bin kein Übermensch"

Aber Rose war noch nicht außer Gefahr. Sie brauchte Monate, um sich von der Geburt zu erholen. Monate, in denen sie sich kaum bewegen konnte. In denen die Frau, für die Unabhängigkeit so wichtig ist, ganz auf ihren Mann Dave angewiesen war. Für Rose eine wichtige Erfahrung: "Ich bin fast für sie gestorben. Aber das war es wert und ich würde es wieder tun. Sie hat mein Leben wieder ins rechte Licht gerückt. Jetzt weiß ich, dass ich kein Übermensch bin. Wenn sie mich nicht so dringend bräuchte, nach mir weinen würde, ich glaube nicht, dass ich mich so schnell erholt hätte."

Für Rose waren Fahrzeuge mit möglichst viel PS immer ein Ventil, ein Weg, vor ihren Sorgen davonzurasen. Aber jetzt muss sie sich ihnen stellen. Die Schmerzen und Blessuren, die ihr wildes Leben mit sich bringen, sind größer geworden. Nie wollte sie es langsamer angehen lassen, doch jetzt steht ihre Mobilität in Frage. Und deshalb wird Rose komplett geröntgt, jeder einzelne Knochen ihres außergewöhnlichen Körpers. Vom Kopf bis zum Bauch. Es ist das erste Mal seit ihrer Kindheit, dass Rose so eingehend untersucht wird. Dr. Matthew Simonich präsentiert ihr das Ergebnis: "Die gute Nachricht ist: ihre rechte Schulter ist völlig in Ordnung. Die hält sich wirklich gut unter den ganzen Belastungen, all dem, was sie so machen. Die Bilder von der linken Schulter: Ich glaube, da entwickelt sich eine Arthritis, wahrscheinlich durch die Überbelastung. Das ist normal bei Leuten mit Ende 40, 50 oder 60. Aber das ist nicht schlimm. Nichts, worüber wir uns Sorgen machen müssten. Ihr Lebensstil scheint sich nicht negative auszuwirken, das ist wirklich gut." Für Rose ist das eine wunderbare Nachricht. Sie muss sich nicht in einen Rollstuhl setzen.

Nach dieser Diagnose gibt es für Rose nur noch ein Ziel. Mit dem Mustang ab auf die Rennstrecke. Sie entscheidet sich, noch mehr Zeit in der Werkstatt zu verbringen. Mit der Hilfe von Freunden eines Oldtimerclubs klappt es. Rose geht endlich wieder an den Start. "Das fühlt sich großartig an. Es ist ein Traum, der wahr wird, nach den ganzen Problemen. Nur ich, die Rennstrecke und die wundervollen Autos", sagt sie. Diese Freiheit ist für Rose überlebenswichtig. Und sie hat nur noch einen letzten Wunsch: Dass die Menschen, die ihr begegnen, nicht mehr das Mädchen ohne Beine sehen. Sondern das Mädchen in seinem orangenen 66er Mustang.

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