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Dickes Lob aus den USA: Deutsche Mommys haben es echt drauf!

US-amerikanische Mütter loben die deutsche Erziehung
US-amerikanische Mütter finden, dass deutschen Kindern viel Selbstvertrauen vermittelt wird.

Deutsche Erziehung? Quite surprising!

Yes! Wir deutschen Mamas können´s einfach. Wir sind lässig, entspannt und tun ganz viel für das Selbstvertrauen der Kinder. Da sind sich US-Amerikanische Mütter einig. In einigen Blogs und jetzt auch in 'Time' haben sich Mommys über deutsche Mütter ausgelassen. Und das Erstaunliche daran: Sie finden die Art, wie hierzulande Kinder erzogen werden, ganz ganz marvelous.

Von Ursula Willimsky

Okay, manche Gepflogenheiten ordnen sie eher unter die Rubrik "fahrlässige Aufsichtsplichtverletzung" ein (Vierjährige, die mit dem Fahrrad durch die Gegend flitzen). Manche Dinge finden sie ein bisschen eigentümlich (Brimborium wegen des ersten Schultags) und an manches müssen sie sich erst gewöhnen ("Der Kindergarten ist zum Spielen da. Bitte üben Sie mit Ihrem Kind noch nicht Lesen"). Aber im Großen und Ganzen lesen sich die Betrachtungen wie ultimative Lobhudeleien über unser angeblich doch so kinderfeindliches Land. Und was gefällt den US-Amerikanerinnen am allerbesten? Nein, nicht das Gesundheitssystem und auch nicht der bilinguale Kindergarten. Es ist: Der Sand auf den Spielplätzen.

Ja, schwärmt eine Bloggerin, dieser Sand! Im Sommer kann man die Schuhe ausziehen, die Körnchen durch die Zehen rieseln lassen und fühlt sich gleich wie im Urlaub. Vor allem, weil man nicht schräg angeschaut wird, wenn man mal nicht wie ein Helikopter um den zweijährigen Sohn herumschwirrt. Das hat auch die Autorin des 'Time'-Artikels mit Staunen beobachtet.

Deutsche Eltern, so ihr erster Eindruck, gehen zwar mit auf den Spielplatz, aber dann stehen sie mit einem Becher in der Gegend rum und unterhalten sich. Solange kein Heulen zu hören ist, wird schon alles passen. Und die Kinder? Die turnen derweil quasi unbeaufsichtigt auf schwindelerregend hohen Gerüsten herum. Unter sich: Nur viel Luft und ein bisschen Sand. In den USA sind die Spielplätze dagegen anscheinend wie in einer Gummizelle mit dicken Schaumstoffmatten ausgelegt.

Eine Information, die wir einfach mal hinnehmen, da wir offen gestanden noch nie auf einem US-amerikanischen Spielplatz waren. Allerdings wirft die Begeisterung für den natürlichen Bodenbelag die bange Frage auf, aus welchem Material US-amerikanische Kleinkinder ihre Sandburgen bauen? Schmieren die dem Nachbarkind Kunststoffgranulat in die Haare? Oder wird dort das Sandkastenspielen inzwischen virtuell erledigt? Wer es weiß – gerne Antwort posten.

Deutsche Mütter vermitteln ihren Kindern Selbstvertrauen

Genauso erstaunlich ist aus US-Sicht offenbar die Tatsache, dass deutsche Eltern viel sind, nur nicht übermäßig streng. Sie erlauben sogar Dinge, die jenseits des Atlantiks offenbar undenkbar wären: Hier bei uns dürfen Kinder alleine zur Schule gehen oder kleine Besorgungen machen. Kaum können sie krabbeln, werden sie auf ein Laufrad gesetzt, damit sie möglichst schnell mit ihrem Fahrrad durch die Gegend flitzen können. Und sie dürfen im Vorschulalter spielen! Da ist nix mit möglichst früh lesen lernen oder so – in diesem Punkt mussten sich die US-Mommys in ihrem Eifer von den Kindergärtnerinnen bremsen lassen. Und auch in der Schule: Kein übermäßiger Leistungsdrill – sondern viele, viele Stunden zum sozialen Lernen.

Offenbar kein schlechter Ansatz: Laut einer OECD-Studie schnitten 15-Jährige Deutsche überdurchschnittlich gut ab, wenn es um Dinge wie Lesefähigkeit, Naturwissenschaften und Mathematik ging. Die US-Teenager lagen unter dem Durchschnitt.

Vielleicht, vielleicht legten die die Deutschen ja auch deshalb so gute Ergebnisse hin, weil – um der Argumentation der US-Mütter zu folgen – sie in ihrer Kindheit ganz viel zum Thema Selbstvertrauen und Vertrauen gelernt haben (siehe Kaffebecher unterm Klettergerüst). Das scheint in der Wahrnehmung der Autorinnen ein äußerst gravierender Unterschied zu sein: Wie entspannt und lässig die Eltern hierzulande sind – sie lassen die Kinder laufen, ohne sie zu vernachlässigen: "They were trusting them!" Einfach so.

In den USA gibt es für diese Art der Erziehung – also wenn Kinder auf einen Baum klettern dürfen, ohne dass jemand mit einem Sprungtuch drunter steht – einen Fachbegriff: "Free Range Movement". Wobei man free-range übrigens mit "freilaufend" übersetzen kann – so wie in free-range eggs, Eier von freilaufenden Hühnern.

Wir wollen uns jetzt nicht dazu hinreißen lassen, Parallelen zwischen verschiedenen nationalen Erziehungsstilen und Arten der Hühnerhaltung zu ziehen. Wir nehmen einfach nur zur Kenntnis, dass andere es zu schätzen wissen, dass wir unseren Kindern den Duft der Freiheit um die Nase wehen lassen – und es trotzdem irgendwie schaffen, sie zu behüten, zu bemuttern und ihnen Sicherheit zu geben. Es ist doch auch mal schön, von jemand Außenstehendem zu hören, dass es mehr als okay – vielleicht sogar pädagogisch wertvoll - ist, wenn man sich weigert, das Kind mit dem Auto zwei Straßen weiter zur Freundin zu kutschieren. Denn damit zeigt man ihm auch: "Ich trau Dir das zu!" Alltag als Selbstbewusstseins-Training. Super!

Und außerdem kommt das Kind dann auch gleich an die frische Luft – ein Aspekt, der der 'Time'-Autorin besonders wichtig ist: Die Deutschen würden nämlich jeden Tag mit ihrem Kindern rausgehen. Unglaublicherweise sogar, wenn es kalt ist oder regnet! Den Spruch, dass es kein schlechtes Wetter gibt, sondern nur die falsche Kleidung, den hat sie in ihrer neuen Heimat Berlin gelernt. Inzwischen hat sie selbst sich auch schon an das deutsche Erziehungsklima gewöhnt – und lässt ihre Tochter allein einkaufen gehen. Zwar nur zum Bäcker im selben Haus, aber immerhin. Der erste Schritt Richtung Freiland-Haltung ist gemacht.

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