Diane Keaton: Die Freiheit zu tun, worauf man Lust hat!

Diane Keatson auf Tuchfühlung
Auch Christine Urspruch wird von Diane Keaton geknutscht © imago/STAR-MEDIA, imago stock&people

Diane Keaton knutschte - weil sie Lust dazu hatte!

Diane Keaton ist etwas ganz Besonderes. Zum Beispiel kann die 68-Jährige problemlos auf Schuhen gehen, in denen sich eine durchschnittliche 18-Jährige beide Knöchel brechen würde. Keaton dagegen läuft in diesen Schuhen zur Höchstform auf – wie zuletzt gesehen bei „Wetten dass?“. Schwupps hatte sie alle greifbaren Herren auf dem gräulichen Sofa durchgeknutscht. Weil, das wissen wir jetzt, Diane Keaton einfach wahnsinnig gerne Männer vor der Kamera küsst.

Von Ursula Willimsky

Die Kritiker feierten sie dafür frenetisch: „Coole Knutsch-Attacke“ hieß es da, oder „Je oller, desto doller“. Und wir fragen uns ganz miesepetrig: War das wirklich lustig? Oder schon einen Hauch peinlich, so mit etwas Abstand betrachtet? Diese Fragen haben wir uns für heute aufgehoben, denn heute ist der Aktionstag für menschenwürdige Arbeit. Und der muss doch eigentlich auch für Männer gelten, die von Berufs wegen auf öffentlichen Sofas rumsitzen und sich gegen die Küsserei rein imagemäßig erst mal nicht wehren können, oder?

Nähern wir uns dem Thema gewohnt seriös mit einigen grundlegenden gesellschaftlichen Fragen. Zum Beispiel aus den Themenfeldern Geschlechter- und Generationengerechtigkeit. Stellen wir uns also vor, da wäre statt der Hollywood-Diva ein älterer Schauspieler gewesen, der erzählt, dass er wahnsinnig gerne Frauen küsst. Und schwupps wäre er aufgesprungen und hätte der Reihe nach alle jungen und jüngeren Frauen auf dem Sofa (auch Benedikt Höwedes bekam mit seinen zarten 26 Jahren einen Knutscher ab) und die Moderatorin durchgebusselt. Und dann gibt der Schmierlappen auch noch damit an, wen er sonst schon geküsst hat! Und wen er noch alles rannehmen will! Bäh! Soviel dazu – andererseits: Keaton kam wenigstens nicht lüstern daher, sondern verteilte ihre Schmatzer durchaus mit einem Hauch Selbstironie. Und überhaupt hatte sie wohl einfach nur einen sauguten Abend.

Szenario zwei: Da wäre jetzt nicht eine Grand Dame des internationalen Film aufgetaucht, die sich ohnehin wenig um gängige Klischees schert und im Herzen ein Hippie auf Speed ist, sondern eine Nachwuchskraft aus der Promi-Liga. Etwa jemand, der sich durch die Teilnahme an einer Reality-Show fürs Rampenlicht qualifiziert hat. Meine Herren! Wenn die sich der Reihe nach alle Männer geschnappt hätte, wären die Schlagzeilen wahrscheinlich nicht ganz so begeistert ausgefallen: ‚Peinlicher Auftritt. Will um jeden Preis auffallen‘ - irgendwas in der Art wäre bestimmt gekommen. Klarer Vorteil also für das ältere Establishment.

Das Prädikat „Re-schpekt! Die traut sich was“ bekommen ja ohnehin eher die früheren Geburtsjahrgänge. Wenn jemand frech oder schnippisch ist, muss er schon auf eine gewisse Lebenserfahrung zurückgreifen können, damit es mit Wohlwollen aufgenommen wird. Außer, sie ist Comedian, die dürfen das in jedem Alter. Woran liegt´s?

Nur wenn es authentisch ist, finden wir solche Aktionen toll!

Wieso freuen wir uns, wenn sich da jemand entscheidet, nicht völlig in Würde zu altern, sondern sich zu nehmen, worauf sie Lust hat? Die Antwort, die uns nach reiflicher Überlegung eingefallen ist: Wir freuen uns da gar nicht generell drüber. Wir freuen uns nur, wenn es irgendwie authentisch wirkt. Und bei Frau Keaton wirkte die Knutsch-Attacke schon recht überzeugend, was auch an ihrer generellen Ausstrahlung liegen mag. Sie hatte das Publikum im Griff; sollte es mit ihrer Hollywood-Karriere mal nicht mehr so klappen, kann sie prima als Einheizerin bei Saalveranstaltungen arbeiten, das hat sie bewiesen.

Wobei sie sich rein rechtlich auf dünnem Eis bewegt haben dürfte (jetzt werden wir wieder miesepeterisch): Auch ein Kuss kann als sexuelle Belästigung gedeutet werden. Sogar im Karneval, aber nur bei einer Betriebsfeier, wie wir von einem Arbeitsrechtler erfahren haben. In Keatons Heimatland ist man da ja besonders streng: Dort wurde sogar schon mal ein Sechsjähriger vom Unterricht suspendiert, weil er seine Banknachbarin auf die Wange küsste und ihr dann auch noch einen Handkuss gab. In seiner Schülerakte landete der Vermerk: ‚sexuelle Belästigung‘.

Huiuiui, ob sich die Männer auf dem Show-Sofa auch derart belästigt fühlten? Muss Diane Keaton vielleicht in Zukunft mit einem Vermerk in ihrer Künstler-Mappe rechnen: „Diane war zappelig und aufgedreht und hat wiederholt ihre Show-Kameraden belästigt“? Immerhin gibt sie ja auch unumwunden zu, dass sie sich besonders gerne für eine Rolle entscheidet, wenn sie den dazugehörigen Filmpartner bisher noch nicht geküsst hat. Eine klassische Reduzierung der Männer auf das Körperliche also.

Vielleicht muss sie aber auch mit verstärkten Einladungen auf irgendwelche Show-Sofas rechnen. Weil ihre größte Altersweisheit darin besteht, im rechten Moment keine Altersweisheiten von sich zu geben, sondern Spaß zu haben…

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