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Diagnose Down-Syndrom durch pränatale Diagnostik: Wie fällt man die Entscheidung?

Kind mit Down-Syndrom
Durch die Pränatal-Diagnostik lassen sich Behinderungen wie Down-Syndrom schon im Mutterleib erkennen. © dpa, Matthias Balk

"Die Entwicklung jedes Kindes – mit oder ohne Down-Syndrom – hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab"

Durch pränatale Diagnostik ist es heute möglich, Babys im Mutterleib auf Down-Syndrom zu testen. Fällt das Ergebnis positiv aus, stecken viele werdende Eltern in einem Dilemma: Sind sie der Aufgabe gewachsen, ein behindertes Kind auf die Welt zu bringen oder sollen sie die Schwangerschaft lieber abbrechen?

Von Ursula Willemsky

Bei meinem letzten Auslandsurlaub ist es mir aufgefallen: Ich beobachtete die Kindergruppe, sah, wie sie lachten, schwatzen, sich tüchtig mit Eis bekleckerten. Sie machten das, was Kinder bei einem Ausflug so tun. Und ich dachte mir: "Wann habe ich eigentlich zuhause das letzte Mal ein Kind mit Down-Syndrom gesehen?" Es mag eine rein subjektive Beobachtung sein, aber ich habe das Gefühl, dass Kinder mit diesem Handicap hierzulande seltener zu sehen sind als früher.

Früher sahen sich Mütter allerdings auch nicht mit der Frage konfrontiert, ob sie ein Kind auf die Welt bringen wollen/sollen, bei dem schon im Mutterleib Trisomie 21 diagnostiziert wurde. Heute müssen Eltern, die sich für die entsprechenden Tests entschieden haben, diese Entscheidung manchmal fällen.

Auf der aktuellen Berlinale widmet sich ein hochgelobter Film der Erfurter Regisseurin Anne Zohra Berrached diesem "Dilemma über die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten, die einem beide das Herz zerreißen können", wie es der Spiegel formuliert. Eine Kabarettistin (Julia Jentsch) und ihr Mann (Bjarne Mädel) erfahren, dass ihr zweites Kind das Down-Syndrom hat. Bis zur 24. Schwangerschaftswoche (daher der Filmtitel '24 Wochen') müssen sie nun entscheiden, ob es zur Welt kommt.

Fluch und Segen der Pränatal-Diagnostik, die viele Abweichungen vom "Normalen" aufspürt. Schwere Herzfehler können so festgestellt werden oder eben Trisomie 21. Etwa 90 Prozent aller Schwangeren entscheiden sich nach dieser Diagnose für einen Schwangerschaftsabbruch. Die Zahl der Spätabtreibungen ab der 20. Woche hat sich im Zeitraum von 2006 bis 2013 verdreifacht – über 3500 Abbrüche wurden medizinisch begründet.

Diese Zahlen könnten erklären, weshalb trotz einer gestiegenen Anzahl von älteren Müttern scheinbar immer weniger Kinder mit Down-Syndrom zur Welt kommen. Doch sie erklären nicht, wie Frauen und Männer mit dem Drama der Diagnose und des Entscheidungszwangs umgehen können, ohne daran zu zerbrechen. Zumal ein Aspekt dem Dilemma eine besondere Dimension verleiht: Hier geht es nicht um eine ungewollte Schwangerschaft. Betroffen sind hier Eltern, die sich eigentlich ganz unbeschwert auf ihr ersehntes Wunschkind freuen – und nun innerhalb von wenigen Tagen eine endgültige Entscheidung treffen müssen.

Wofür auch immer die betroffenen Eltern sich entschließen: Es ist ihr Leben, ihre Zukunft, ihre Entscheidung. Die Frage, ob man ein Kind zur Welt bringt oder nicht, ist so schwerwiegend, dass es sich verbietet, hier Argumente für oder wider anzuführen.

Dennoch würde ich gerne einen Aspekt aus der Diskussion herausziehen und verallgemeinern. Auf myhandycap.de steht der schöne Satz: "Der andere ist im Moment so wie er ist. Er ist in einer bestimmten Lebenserfahrung. Und das akzeptieren wir von ganzem Herzen."

Dieser Satz könnte unabhängig von der Chromosomenzahl des Kindes etwas sein, was alle Eltern berücksichtigen sollten: Dass nämlich ein Kind so ist, wie es ist. Und nicht so, wie Mama oder Papa es gerne hätten? Dass es statt der von Elternseite anvisierten akademischen Laufbahn lieber eine Lehre macht? Dass es lieber mal einen Nachmittag verträumt statt zum Training zu gehen? Dass es Mathe ganz einfach nicht versteht und das nicht daran liegt, dass es sich nicht genug anstrengt?

"Die Entwicklung jedes Kindes – mit oder ohne Down-Syndrom – hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab", betont auch das Deutsche Down-Syndrom-Infocenter, "genau wie bei anderen Kindern lässt sich nicht voraussagen, wie sich Ihr Baby entwickeln wird."

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