Essstörungen: Von Magersucht bis Binge Eating

Essstörungen: Von Magersucht bis Binge Eating

Das französische Model Isabelle Caro litt unter Essstörungen und verstarb im November 2010.
Bildquelle: VOX

Essstörung sind lebensgefährlich

Erinnern Sie sich noch an Isabelle Caro, das französische Model, das am Ende bei einer Größe von 1,64 noch ganze 31 Kilogramm wog und im November 2010 starb? Oder haben Sie die Bilder des Mexikaners Manuel Uribe gesehen, der 2007 mit 570 Kilogramm als dickster Mann der Welt einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde bekam? Schicksale und Bilder, die schockieren und gleichzeitig die Frage aufwerfen, warum ist das so? Warum wollen Menschen entweder gar nichts mehr von Nahrungsmitteln wissen oder warum können sie nicht mehr "nein" dazu sagen?

Von Daniele Erdorf

Eine Befragung des Robert Koch-Instituts zur seelischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen (Bella-Studie) hat ergeben, dass rund 30 Prozent aller Mädchen und etwa 15 Prozent aller Jungen an Essstörungen leiden. Doch damit nicht genug: Auch Erwachsene zeigen immer häufiger chronische Verläufe und selbst Kinder erkranken.

Das Gefährliche an Magersucht (Anorexie), Ess-Brechsucht (Bulimie) oder Fettsucht (Adipositas) wird durch den Namenszusatz "-sucht" deutlich: Die Betroffenen sind fixiert auf das Thema Essen. Das ganze Leben dreht sich von morgens bis abends nur noch darum zu hungern, zu brechen oder sich vollzustopfen. Tückisch dabei ist - anders als bei der Alkohol-, Nikotin- oder Medikamenten-Abhängigkeit - dass Essgestörte ihrem "Suchtmittel" Nahrung nicht aus dem Weg gehen können.

Essstörungen durch Werbung, Mode und Medien

Zu den am längsten bekannten Essstörungen gehören Anorexie, Bulimie und Adipositas. Als relativ neues Phänomen ist die "Binge-Eating-Disorder" (BED) hinzugekommen, die noch erforscht wird. Der Begriff leitet sich vom englischen "to binge" ab, was mit "in sich hinein kippen", "schlingen" übersetzt werden kann. Dabei erleiden die Patienten unkontrollierbare Ess-Attacken, die sie anschließend - anders als bei der Bulimie oder Anorexie - nicht durch Erbrechen oder Sport ungeschehen zu machen versuchen.  

"Die meisten Essstörungen sind zwar gut erforscht", berichtet Dr. Carola Bartels-Dickescheid, Oberärztin an der Poliklinik für Kinderpsychiatrie, Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Universität Köln, "trotzdem kommen bei der Ursachensuche immer wieder neue Aspekte hinzu." So wird aktuell diskutiert, ob genetische Faktoren eine Rolle spielen. Dafür sprechen Berichte von Familien, in denen über Generationen hinweg Essstörungen auftreten. "Außerdem", so Dr. Bartels-Dickescheid weiter, "rücken Hormone und Transmitterstoffe als krankheitsbegünstigende Elemente immer stärker in den Blickpunkt." 

Auch der Düsseldorfer Arzt Dr. Hans Greuel hat sich in seiner ästhetisch-plastisch-chirurgisch und psychotherapeutisch ausgerichteten Praxis auf die Behandlung von Essstörungen spezialisiert. Er weist auf die gesellschaftliche Komponente des Problems hin: "Wir alle stehen von der Kindheit bis ins hohe Erwachsenenalter hinein unter dem sozialen Druck schlank zu sein, weil damit Gesundheit und Attraktivität assoziiert werden. Attraktivität wiederum gilt als Garant dafür, akzeptiert, gemocht, geliebt zu werden." Oft wird daraus ein trügerischer und gefährliche Kausalzusammenhang konstruiert: "Wenn ich erst dünn bin, dann bin ich beliebt und dann fängt mein Leben richtig an." Zwar sind auch immer mehr Jungen und Männer von Essstörungen betroffen, doch Mädchen und Frauen sind besonders empfänglich für diesen argumentativen Kurzschluss. Dr. Hans Greuel: "Durch Werbung, Mode und Medien wird schlanksein und das perfekte Äußere als absolutes "Muss" postuliert.“ Wie ließe sich sonst erklären, dass sich 80 Prozent aller normalgewichtigen deutschen Jugendlichen zu dick finden und 56 Prozent der 13- bis 15-jährigen Mädchen bereits eine Diät hinter sich haben?   

Essstörungen: Betroffene werden immer jünger

"Das Erschreckende ist", berichtet Dr. Carola Bartels-Dickescheid, die in der Kölner Uniklinik seit 14 Jahren essgestörte Jugendliche behandelt, "dass im Fall der Magersucht die Patientinnen immer jünger werden. Früher waren zwölf bis 14-jährige Mädchen eher die Ausnahme, heute ist das fast schon die Regel und wir sehen sogar schon zehn- oder elfjährige Mädchen in der Sprechstunde".

In den Blickpunkt von Experten rücken außerdem überdurchschnittlich sportlich engagierte Kinder- und Jugendliche sowie Leistungssportler. Sie gelten als Risikogruppe, da vor dem Hintergrund des sportlichen Erfolgs nicht selten die Gewichtsreduktion eine Rolle spielt. Neben gesellschaftlichen Leitbildern spielt aber auch die psychische Grundkonstellation der Betroffenen eine bedeutende Rolle. Hier ist beispielsweise die Neigung zu übertriebenem Perfektionismus, oder mangelndes Selbstbewusstsein zu nennen. Dr. Hans Greuel: "Auch Stress-Situationen, traumatische Erlebnisse, ein nicht anders auslebbares Autonomiestreben oder bestimmte familiäre Zusammenhänge können der Erkrankung den Weg ebnen."

Einseitige Ursachen- oder Schuldzuweisung lehnen die Experten jedoch ab. Dr. Carola Bartels-Dickescheid: "Es müssen schon einige Faktoren zusammenkommen, damit eine Essstörung ausgelöst wird. Das ist wie bei anderen Suchterkrankungen auch: da ist es auch nicht nur die erbliche Vorbelastung oder sie soziale Situation."  

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