Der öffentlicher Kampf gegen den Krebs

Der öffentlicher Kampf gegen den Krebs

Sein Leiden publik machen

Immer öfter machen Menschen ihre Schicksalsschläge öffentlich – ob eine Fehlgeburt wie bei Sabia Boulahrouz oder die Diagnose Krebs wie bei Schriftsteller Henning Mankell. Dabei trauen sich aber auch mehr und mehr Nichtprominente an die Öffentlichkeit. Was bedeutet das für unseren Umgang mit Krankheit und Tod?

Von Merle Wuttke

Ihre Brustwarzen fehlen. Über ihren Bauch zieht sich eine riesige Narbe. Unter den Brüsten sind weitere Narben zu sehen - wie am Rest ihres Körpers. Vor wenigen Jahren noch hätte sich eine Frau wie Beth Whaanga wahrscheinlich versteckt, wäre nicht mehr an den Strand gegangen, hätte ihren Körper verhüllt und sich für ihn geschämt. Weil sie gezeichnet ist, anders, weil man sieht, dass sie Krebs hatte. Heute gehört sie dagegen zu einer Gruppe Menschen, die gar nicht daran denkt, ihre Krebserkrankung und deren Folgen zu verheimlichen, sondern im Gegenteil offensiv damit an die Öffentlichkeit geht.

So postete die Australierin, die mehrere Operationen hinter sich hat, auf Facebook Nacktbilder von ihrem Körper – ein Projekt, das sie „Under the Red Dress“ nennt, und das andere aufrütteln, informieren und dazu bringen soll, regelmäßig zur Krebsvorsorge zu gehen.

Ehrlichkeit, die berührt

Gewagt sind diese Bilder – und ehrlich. Aber eben auch sehr, sehr nackt – nicht im körperlichen Sinne, sondern ganz emotional gesehen. Beth Whaanga schont den Betrachter nicht. Sie zeigt alles von sich, alle Verletzungen und jede Verletzlichkeit. Das ist berührend, aber auf gewisse Weise auch befremdend.

Zwar verschwindet das „Tabu“ Krebserkrankung mit solchen Aktionen glücklicherweise immer mehr aus den Köpfen der Menschen, andererseits stellt sich die Frage: Geht es bei dieser selbst gewählten Öffentlichkeit wirklich nur darum, andere auf das Problem aufmerksam zu machen oder steckt etwas anderes dahinter? Warum will sich jemand nach einem Schicksalsschlag plötzlich äußerlich wie innerlich so sehr entblößen?

Wenn Promis wie Kylie Minogue, Angelina Jolie oder Sylvie Meis ihre Krebserkrankung, beziehungsweise die Angst davor öffentlich machen, hat das sicherlich vor allem auch damit zu tun, dass sie wissen, dass Informationen darüber ohnehin irgendwann nach außen gelangen würden. Umso besser, dass sie ihren Vorbildstatus nutzen, um tatsächlich den Umgang mit Krankheiten zu enttabuisieren.

Aber gilt das auch für ganz „normale“ Menschen? So wie Sophie van der Stap? Die junge Holländerin machte ihre Krebserkrankung vor ein paar Jahren publik. Ihr Buch „Heute bin ich blond“, in dem sie ihre Krankheit und den persönlichen Umgang damit beschrieb, war ein großer Erfolg und wurde sogar verfilmt. In einem Interview sagte sie: „Das Schreiben war für mich ein Weg, um wieder in der normalen Welt existieren zu können.“

Schreiben als Therapie also. Oder wie in Beth Whaangas Fall die Fotos. Offenbar hilft der offensive Zugang zu einem Schicksalsschlag den Betroffenen besser mit der Erfahrung umzugehen. Das ist für Außenstehende vielleicht nicht immer nachvollziehbar, manchmal auch schwer auszuhalten, weil die Grenze zwischen Mitgefühl und Fremdschämen doch sehr dünn ist, führt aber immerhin dazu, dass wir uns stärker mit den Themen auseinandersetzen, die man ansonsten lieber verdrängt. Von daher, danke liebe Beth Whaanga. Danke für Ihren Mut, danke für Ihre Ehrlichkeit.

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