Der Fall Sebastian Edathy: Eine Frage der Moral oder des Rechts?

Edathy ist ein freier Mann und nicht vorbestraft

Einmal zahlen, bitte! Gegen die läppische Summe von 5000 Euro und einem Geständnis wurde das Verfahren gegen den Noch-Politiker Sebastian Edathy eingestellt. Und wie wir alle wissen, hat der Mann nicht einen Gartenzaun aus Versehen umgefahren oder Ladendiebstahl, sondern sich kinderpornografische Bilder herunter geladen. Offensichtlich gilt dieser Tatbestand in unserem Rechts-System aber eher als Lappalie.

Der Fall Sebastian Edathy: Eine Frage der Moral oder des Rechts?
© dpa, Carmen Jaspersen

Von Merle Wuttke

Nach einem Jahr des unsäglichen Hinhaltens und der arroganten Anschuldigungen, ist der Fall Sebastian Edathy auf einmal sehr schnell juristisch geklärt worden: Der SPD-Politiker gestand vor Gericht nun doch sich Bilder von sexuell missbrauchten Kindern und Jugendlichen herunter geladen zu haben (denn was ist Kinderpornografie sonst?!) und schwupps, eine Geldstrafe, und er ist ein freier Mann und nicht einmal vorbestraft.

Wir erinnern uns: Vor einem Jahr wies dieser Mann noch öffentlich auf Facebook sämtliche Vorwürfe, die sich darum drehten, er sei im Besitz kinderpornografischer Bilder, zurück.

Aber wenn die Wahrheit so günstig und juristisch derart unglimpflich zu haben ist, traut man sich offensichtlich doch sie ans Licht zu bringen. Der größte Witz dabei, man könnte es fast schon als Zynismus bezeichnen, ist, dass die „Freikauf“-Summe von Edathy ausgerechnet an den Deutschen Kinderschutzbund gehen sollte. Der lehnte ab – eben genau mit dem Argument, dass die Zahlung ein fatales Signal sei.

Und das ist es auch. Nicht für Pädophile, die sich nun vielleicht in vermeintlicher Sicherheit wiegen, weil sie denken, dass man trotz des illegalen Besitzes solcher Bilder mit einem Geständnis ziemlich geschmeidig aus der Sache heraus kommen kann genauso wie für den großen Rest der Bürger, die dieses Rechtssystem nicht mehr versteht. Denn natürlich empören sich nun Prominente und Nicht-Prominente völlig zu Recht, dass in anderen Fällen, wie dem Fahren ohne Führerschein, dem illegalen Herunterladen von Musik, Steuerhinterziehung, wesentlich härter geurteilt wird als im Falle Edathy. Nur ist das eben so wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun – rechtlich gesehen. Das kann man nachvollziehen, wenn man die Sache rein juristisch betrachtet.

Verstehen kann man es nicht. Erst recht nicht, wenn man selbst Kinder hat. Edathy hat mit seiner unsäglich larmoyanten Art sich und die vermeintlich ungerechte Behandlung seiner Person während der gesamten Affäre in den Vordergrund zu stellen, nämlich noch einmal die Opfer seiner sexuellen Desorientierung mit den Füßen getreten. Immer und immer wieder ging es um ihn – nie um die Kinder und Jugendlichen, die, unter wer weiß was für Umständen, zu diesen Bildern gezwungen und missbraucht wurden. Das ist eine doppelte Schmach für die Opfer. Und so typisch für den Umgang mit Pädophilie-Fällen. Niemand scheint sich für die Kinder zu interessieren, für das Leid, das hinter den Tausenden von Computerdateien steckt. Auch die Medien beschäftigen sich lieber mit juristischen Spitzfindigkeiten und der Frage, wer in der SPD wann wen gewarnt hat, als damit, wer die Täter sind, ob diejenigen erwischt wurden, die das Zeug produzierten. Das zählt offenbar nicht, wenn es um die „Würde“ eines Mannes geht.

Was bleibt? Das Gefühl von Ohnmacht. Empörung. Zorn. Zumal Edathy auch nach der Einstellung des Verfahrens noch nachtritt: Auf Facebook gab er folgendes Statement ab: „Ich weise darauf hin, dass ein 'Geständnis' ausweislich meiner heutigen Erklärung nicht vorliegt.“

Eltern packt bei solchen Aussagen die kalte Wut. Auch, weil sie das Gefühl haben, dass ihre Kinder nicht durch den Staat ausreichend geschützt werden. Aber natürlich liegt es auch in ihrer Verantwortung keine Bilder ihrer Kinder öffentlich zu machen, die Pädophile anziehen oder ihnen ein Forum bieten könnten. Andererseits: Warum muss sich der größere Teil der Gesellschaft, sprich Familien, eigentlich Gedanken darüber machen, ob man das einjährige Kind noch nackt am Strand buddeln lassen kann, nur weil man quasi damit rechnen muss, dass irgendein kranker Mensch heimlich Fotos davon macht? Warum wird nicht die Freiheit der Mehrheit bewahrt und derjenigen, die sich noch zu klein sind, um sich selbst zu schützen? Das sollte die Justiz uns mal beantworten.

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