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Der Fall Charley Hooper: Sterilisiert auf Wunsch der Eltern

Der Fall Charley Hooper: Sterilisiert auf Wunsch der Eltern
Die Gebärmutter wurde Charley entfernt, um ihr die schlimmen Regelschmerzen zu ersparen, unter denen auch die Mutter leidet. © dpa, Oliver Berg

Gelten die Menschenrechte nicht für behinderte Kinder?

In Neuseeland haben Eltern ihrer schwerbehinderten Tochter Hormone verabreicht, um ihr Wachstum zu stoppen, und zeitgleich ihre Gebärmutter entfernt. Beides soll ihr und ihnen selbst das Leben erleichtern. "Wir machen ihr das Leben so schön wie möglich", so die Eltern.

Von Jutta Rogge-Strang

Die Neuseeländerin Charley Hooper ist zehn Jahre alt, sie kann weder sprechen noch laufen. Charley kann ihre Glieder nicht steuern, ihr Kopf muss immer abgestützt werden. Ob es ihr gut oder schlecht geht, erraten die Eltern an der Art ihres Stöhnens. Das Haus verlässt Charley meist auf den Armen ihrer Eltern, die sie tragen müssen: Charley ist mittlerweile 1,30 Meter groß und 24 Kilogramm schwer. Damit das auch so bleibt, haben sich die Eltern entschieden, ihrer Tochter Hormone zu verabreichen, die das Wachstum stoppen.

Die Gebärmutter wurde entfernt, um Charley die schlimmen Regelschmerzen zu ersparen, unter denen auch die Mutter leidet. Charley kann niemals Sex haben, geschweige denn ein Baby zur Welt bringen, erklärten die Eltern. Ist das trotzdem eine Menschenrechtsverletzung, obwohl es Eltern und Kind dabei besser geht?

In Deutschland ist eine Zwangssterilisation von Minderjährigen nach § 225 des Strafgesetzbuchs verboten, die UN-Behindertenrechtskonvention fordert ebenfalls ganz deutlich, die Menschenrechte von behinderten Menschen zu wahren. Erwachsene dürfen nach § 1905 BGB nur sterilisiert werden, wenn sie ihre Einwilligung dazu geben, eine Schwangerschaft eine schwere körperliche oder seelische Gefährdung der betreuten Person erwarten lässt oder wenn eine Schwangerschaft nicht durch andere zumutbare Mittel verhindert werden kann.

Zur Würde und persönlichen Integrität eines behinderten Menschen gehört das Recht auf Unverletzbarkeit des Körpers. Artikel 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sichert jedem Menschen "das Recht auf Leben, auf Sicherheit der Person und auf Freiheit" zu. Artikel 5 verbietet jede Art der "Folter, grausame und erniedrigende Behandlung".

Eine zwangsweise Sterilisation ist somit eine Verletzung der Menschenrechte. Auch wenn Eltern oder Betreuern aus Bequemlichkeitsgründen eine Sterilisation lieber wäre, ist sie aus juristischen Gründen in Deutschland nicht erlaubt. Auch die Eltern von Charley hatten Schwierigkeiten, in Neuseeland einen Arzt zu finden, der die Hormontherapie durchführt, und fingen in Südkorea mit den Hormongaben an.

Weltweit leben 650 Millionen Menschen mit einer Behinderung

Vor einigen Jahren habe ich eine Mutter kennengelernt, die ihren damals achtjährigen schwerstbehinderten Sohn immer tragen musste. Sie hatte Muskeln wie eine Leistungssportlerin und natürlich Rückenprobleme. Damals sagte sie, noch könne sie ihren Sohn tragen, aber wenn er schwerer würde, ginge das nicht mehr. In der Tat muss man sich dann Alternativen überlegen. Die gibt es aber auch zum Beispiel für Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Das Recht, zu wachsen und körperlich unversehrt zu bleiben, gilt natürlich auch für Menschen mit Behinderung.

Selbstverständlich leisten Eltern Schwerstarbeit, wenn sie ihre Tochter oder Sohn ständig tragen müssen. Aber ihre Bequemlichkeit ist dem Menschenrecht des Kindes untergeordnet. In Deutschland reagieren wir meist hochsensibel, wenn die Frage nach der Menschenwürde aufkommt. Wir haben unsere Lektion schmerzlich aus den Verbrechen der Nazizeit gelernt. Mehr als 70.000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen wurden zwischen 1940 bis 1945 systematisch ermordet (Aktion T4), bis 1945 wurden etwa 400.000 Menschen zwangssterilisiert. Das darf es unter keinen Umständen mehr geben.

Eines muss es aber auf jeden Fall geben: Die bestmögliche Unterstützung des Staates und der Gesellschaft für behinderte Menschen und ihre Familien. Da ist noch viel zu tun. Immerhin leben 650 Millionen Menschen weltweit mit einer Behinderung, das sind 10 Prozent der Weltbevölkerung. Niemand sollte ausgegrenzt werden, alle gehören gleichberechtigt dazu. Und niemand darf sich das Recht herausnehmen, über andere Menschen zu bestimmen.

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