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Der erste Freund des Kindes

er erste Freund des Kindes
Der kommt mir nicht ins Haus!

Wie Eltern damit umgehen

Angelika ist 45. Zwei ihrer Söhne stehen an der Schwelle zur Pubertät - ihre Tochter und ihr Ältester sind bereits das, was man "junge Erwachsene" nennt. "Ich musste mich als Teenager immer heimlich mit meinen Freunden treffen, das wollte ich meinen Kindern ersparen", sagt die Stuttgarterin. Und überhaupt scheint sie nicht so ganz zu verstehen, weshalb es überhaupt ein Problem sein soll, wenn da plötzlich der Schwarm der Tochter oder die Freundin des Sohnes auftaucht: "Ich habe mich immer nur gefreut, dass sie jemanden gefunden haben, den sie lieb haben konnten."

Von Ursula Willimsky

Im Hinterkopf behielt sie aber bei ihren zwei älteren Kindern immer eines: Die doch recht kurze Halbwertszeit von Teenagerlieben. "Ich war zu den Partnern immer nett und offen. Aber ich habe meine Herz jetzt nicht sooo an sie gehängt - denn ich wusste ja: Das kann morgen schon wieder vorbei sein." Und noch an einen Grundsatz hat sie sich immer gehalten: Selbst wenn da für ein paar Wochen oder Monate jemand in ihrem Haus aus- und eingegangen wäre, den sie nicht so sympathisch gefunden hätte, wäre sie nett geblieben: "Die Hauptsache ist doch, dass mein Sohn oder meine Tochter denjenigen mag."

Und wie war es, als das erste Mal jemand über Nacht blieb, der nicht unter die Kategorie "bester Kumpel" fiel? "Eigentlich auch nicht aufregend anders. Man weiß das ja vorher, Spontan-Übernachtungen gab es bei uns nicht. Und die wichtigen Themen wie Verhütung hatten wir da ja schon lange vorher mit den Kindern geklärt - und wussten (oder hofften), dass wir uns da auf sie verlassen konnten."

Im Endeffekt sei so ein Wochenend-Übernachtungs-Besuch auch nichts anderes gewesen, als noch ein Kind mehr, das mit am Esstisch sitzt. "Wir haben ohnehin ein Haus, in dem ständig jemand zu Besuch ist. Der eine Sohn bringt noch zwei Jungs vom Handball mit zum Essen, der andere hat einen Schulkameraden zu Besuch. Wir haben keines dieser Kinder als "Fremdkörper" empfunden - warum sollte es bei einem echten Freund oder einer echten Freundin anders sein?". Für die 46-Jährige war es immer wichtig, "nicht so eine Mutter zu werden, die nicht will, dass ihr Kind jemand anderes lieb hat, die nicht loslassen kann." Die Freude, dass die Heranwachsenden in der Lage sind, sich auf jemand anderen einzulassen, wieder ein Stück mehr in ein eigenes Leben zu starten, war ihr wichtiger.

Wichtige Regeln für Eltern

Dr. Astrid Kaiser schlägt auf www.familienhandbuch.de eine ähnliche Richtung ein: "Ihr Kind braucht auch eigene Entwicklungsmöglichkeiten. Früher oder später wird es versuchen, erste Erfahrungen mit einer Partnerin oder einem Partner zu sammeln. Viele Eltern reagieren darauf mit Panik. Aber gerade das ist falsch, denn Jugendliche brauchen die ersten Erkundungen in Richtung erwachsene Partnerschaft. Wenn sie gezwungen sind, dies nur heimlich zu tun, können sie sich nicht frei genug entwickeln. Wesentlich besser wäre es, wenn sie wüssten, dass ihre Eltern die tiefen Wünsche und Bedürfnisse verstehen." Die Expertin hat eine ganze Reihe von "wichtigen Regeln für Eltern" erarbeitet:

- Offenheit ist der oberste Grundsatz.

- Zeigen Sie, dass auch Ihnen Sexualität wichtig ist!

- Sexualität ist etwas Schönes, das auch den jungen Menschen eröffnet werden sollte, deshalb sprechen Sie ohne Tabus mit ihnen!

- Nicht Moralisieren, sondern Aufklärung!

- Homosexuelle Phantasien und Impulse sind in diesem Zeitalter des Suchens keine Ausnahme, sondern völlig normal.

- Toleranz und Zuhören sollten die Eltern an erster Stelle selbst lernen, um den Kindern den Weg zu einem befriedigenden Sexualleben zu bahnen.

- Bedürfnisse lassen sich nicht verbieten, schon gar nicht so heftige wie das Verlangen nach Sexualität, aber ein sozial verantwortliches Verhalten ist lernbar.

- Es können Anregungen gegeben werden, mit den eigenen Bedürfnissen ausgewogen und sozial umzugehen.

- Liebesfähigkeit muss gelernt werden!

- Trennungsschmerz ist der Weg hin zur Partnerschaftsfähigkeit.

- Offene Gespräche über Verhütung und Aids sind unabdingbar.

Dr. Kaiser gibt Eltern den Rat, sich auf keinen Fall über die erwachenden Bedürfnisse ihrer Kinder hinwegzusetzen oder gar lustig zu machen. Wer zu Hause kein Verständnis, keinen liebevollen Umgang finde, werde noch stärker Anerkennung von außen suchen, statt seinen eigenen Weg hin zu einer erwachsenen Sexualität zu gehen.

Angelika versucht, ihren Kindern auf diesem Weg zu helfen, indem sie ein offenes Ohr hat und offene Worte findet für die Themen Sexualität und Liebe - und indem sie versucht, den Kindern das Gefühl zu vermitteln, dass ihre Partner zu Hause willkommen sind. Was ja noch einen ganz anderen Nebeneffekt hat, wie uns eine andere Mutter erzählte. Im Gegensatz zu Angelika durfte sie immer alle Freunde mit nach Hause bringen. "Heute weiß ich, weshalb meine Mutter das gemacht hat: So wusste sie immer, mit wem ich zusammen war und hatte eine ungefähre Ahnung, was wir so treiben."

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