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Der doppelbelastete Mann: Lieber leiden und schweigen

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Geschäftsmann mit Baby und Frau
Auch für Männer sind Kind und Karriere eine doppelte Belastung. © iStockphoto

Männer leiden wie die Frauen - nur sprechen sie nicht drüber

Neues aus dem Krisengebiet Familie versus Arbeit: Die Dauerkämpfe um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zermürben nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer. Glaubt man einer aktuellen US-Studie, leiden die Männer sogar genauso stark wie die Frauen. Einziger Unterschied: Die Herren lassen es sich nicht anmerken. Sind wir Frauen also nichts weiter als ein Volk von Jammerläppinnen? 

Von Ursula Willimsky

Beruf und Familie kombinieren – das zermürbt auch die Männer

Vater und Tochter sitzen vor dem PC
Alles unter Kontrolle! © iStockphoto

Wäre Frauenzimmer ein Herrenmagazin, wäre die Antwort fluggs gefunden: Haben wir schon immer gewusst! Typisch Weiber! Viel Gedöns um Kinkerlitzchen, die Männer einfach so wegstecken.

Aber so einfach ist die Sache nicht. Mit ihrem Schweigen schaden viele Väter sich nämlich selbst, findet Studienleiterin Kristen Shockley. Die Psychologie-Professorin an der University of Georgia sagt: "Es schadet den Männern, dass sie sich still abkämpfen und zugleich die gleiche Menge an Arbeits-Familien-Konflikten erleben (wie Frauen) – aber niemand es würdigt."

Um das zu erreichen, müssten sie eben darüber reden. Das wollen sie aber nicht, wofür die Psychologin einige Gründe nennt. So fürchteten sie, nicht mehr als "echte Männer" zu gelten oder im Beruf Nachteile zu haben, weil ihnen "das Privatleben wichtiger als der Job" sei. Letztere Angst dürften wohl auch ambitionierte Frauen kennen; zugleich ist diese Befürchtung aber auch eine Angst, über die sich immer mehr – vor allem junge – Väter hinwegsetzen.

Doch trotz aller Fortschritte in Sachen Geschlechtergerechtigkeit fühlen sich Frauen nach wie vor stärker zerrissen zwischen Beruf und Familie als Männer. Ein Effekt, den die Studienmacher nahezu überall feststellten, unabhängig davon, ob Geschlechter-Gerechtigkeit im jeweiligen Land ein Thema war oder nicht. Wie kommt´s? Um das zu erfahren, wertete das Team um Shockley 350 Einzelstudien mit über 250 000 Teilnehmern aus. Das Ergebnis veröffentlichte sie im 'Journal of Applied Psychology'.

Alle leiden. Also leide ich auch.

Frauen gehen demnach die Herausforderung von vorneherein mit einer negativen Erwartungshaltung an: Freundinnen, Medien, Kolleginnen – alle erzählen davon, wie schwer es (vor allem) für Frauen ist, Meeting-Termine und Kita-Aufführungen unter einen Hut zu bringen. Also ist es auch schwer, was es laut Studie ja auch für Männer ist. Nur die Reaktionen fallen anders aus.

Frauen leiden und sprechen darüber (sonst gäbe es wahrscheinlich heute noch ausschließlich Kindergärten, die um 12 Uhr dicht machen. Außerdem schadet es nichts, immer mal wieder zu erwähnen, dass es noch andere gesellschaftliche Klüfte als die bloße Termin-Jonglage zwischen Meetings und Kita-Aufführungen gibt. Lohn-Lücken zum Beispiel).

Männer spielen in der Diskussion um Familienpolitik eine untergeordnete Rolle

Männer leiden und schweigen. Weshalb der doppelbelastete Mann bei Diskussionen über eine vernünftige Familienpolitik eine eher untergeordnete Rolle spielt.

Auch das traditionelle Rollenverständnis könnte mit hineinspielen. Mangels belastbarem Zahlenmaterial hat Shockley diesen Gedanken nicht in die Studie mitaufgenommen. Im Begleit-Artikel hat sie ihn dennoch erwähnt: Frauen definieren sich – auch - als diejenigen, die sich um die Kinder kümmern. Wenn sie deren Bedürfnissen immer gerecht werden wollen, wird´s schwierig mit der Berufstätigkeit. Für Männer dagegen kann es durchaus okay sein, sich als Hauptverdiener zu definieren – immerhin sorgen sie damit ja für die finanzielle Sicherheit der Familie. Der psychische Stress der Frauen macht die Doppelbelastung nicht größer – aber das Päckchen mit schlechtem Gewissen auf der Schulter sorgt eventuell dafür, dass sie sich schwerer anfühlt.

Der Spagat belastet Frauen UND Männer

Wie dem auch sei: Shockley stellte nur zu vernachlässigende Unterschiede fest, der Spagat zwischen Beruf und Familie belastet statistisch gesehen Männer und Frauen nahezu gleich.

Was lernen wir daraus? Zum einen, dass das Leben mehr ist als eine trockene Ansammlung von Zahlenmaterial. 100 Milliliter können ein halb volles Glas sein oder ein halb leeres. Wir haben auch gelernt, dass Männer genauso damit zu knapsen haben, Beruf und Familie unter einen Hut bringen, wie Frauen. Auch wenn das so manche vielleicht nur schwer glauben mag angesichts persönlicher Erfahrung und angesichts Statistiken über die zusätzlich zum Job geleisteten unentgeltlichen Hausarbeit.

Und vielleicht könnten wir in einer milden Minute tatsächlich auch lernen, seinen Beitrag zum Familienleben zu würdigen. Auf die Idee, das selbst lauthals einzufordern, kommt er ja nicht (siehe aktuelle US-Studie).

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