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Das schlimmste Schwangerschafts-Wehwehchen? Betrunkene Mitmenschen!

Mama-Kolumne
Unsere Kolumnistin (l.) mit ihrem Mann (r.) und dem Nachwuchs (versteckt) auf dem ACDC-Konzert © Privat

Gott, ich hätte gerade so gerne ein Bier!

Da stehe ich nun – inmitten von 80.000 Rock-Fans. Ich mit Babykugel ohne Fahne, die Mehrheit der anderen mit Bierkugel und Fahne. Mein Geruchssinn ist zumindest gerade dermaßen ausgeprägt, dass mir Letzteres so vorkommt. Es sei nur kurz erwähnt, dass ich gerade blind jedes einzelne der vielen hundert Dixie-Klos finden würde, die für dieses Musik-Event des Jahres angekarrt wurden – einfach immer der Nase nach.

Von Linda Görgen

Ich bin übrigens auf einem ACDC-Konzert. Ja, richtig gelesen. Ich, im sechsten Monat schwanger, bin auf einem Rockkonzert, und es regnet in Strömen. Selbst schuld? Richtig, selbst schuld. Haben sicher auch die Leute in der Bahn gedacht, die mir nicht ihren Sitzplatz angeboten haben.

Während mein Mann mir gerade ein Wasser holt – oh, Gott, ich hätte gerade so gerne ein Bier! – stehe ich im Matsch und versuche, wie früher beim Völkerballspielen, nicht getroffen zu werden. Diesmal nicht vom Ball, sondern unter anderem von Manni, der stramm wie ein Otter und "Thunder!" grölend, mit Glatzkopf und blinkenden Hörnern darauf, versucht, die restlichen Meter zu seinen ebenfalls betrunkenen Kumpels zu gelangen.

Versteht mich nicht falsch! Manni und Co. sind bestimmt echt nett, und unschwanger bin ich weiß Gott kein Kostverächter, was ein oder zwei (oder mehr) kalte Bier betrifft. Aber wenn ich gefragt werde, was das schlimmste Schwangerschafts-Wehwehchen ist, das mich derzeit plagt, dann kann ich ohne mit der Wimper zu zucken sagen: besoffene Mitmenschen!

Noch bin ich keine Mutter - eigentlich

Bis zu einem gewissen Punkt ist ja alles fein. Die Leute sind lustig und locker, bis sie einem das Gefühl geben, nicht erst im November zu entbinden, sondern bereits Mutter zu sein und auf sie aufpassen zu müssen. Ich denke da zum Beispiel an meinen Freund Michael, der nach einem gemütlichen 'Get-Together' von mir nach Hause eskortiert werden musste und dabei mehrmals barfuß gegen Häuserwände lief.

Da kommt dann schon der Mutterkomplex durch. Ob man will oder nicht. Man kann den armen Kerl ja nicht seinem Schicksal überlassen – hatte er mir doch noch ein paar Stunden zuvor eine Flasche alkoholfreien Wein besorgt. Da hätte ich dem kleinen Micha am liebsten einen dicken Kuss auf die Stirn gegeben und einmal durch die Haare gewuschelt – jaja, die Hormone.

Die Blicke der Mütter am Nachbartisch jedoch verrieten, was ich seitdem in meinem Veedel bin: die Schwangere, die Wein trinkt! Herrje, ich gab mir zwar alle Mühe, so auffällig wie möglich mit der Flasche herumzufuchteln und zu demonstrieren, dass auf dem Etikett ALKOHOLFREI steht, doch ihre offenbar dinkelbreiverblendeten Augen waren scheinbar nicht in der Lage, diese Information aufzunehmen.

Was sie nicht wissen: Ich trinke keinen einzigen Tropfen Alkohol in der Schwangerschaft und habe null Verständnis für Frauen, die sich ihre Ausreden á la "Ein Gläschen wird ja wohl nicht schaden" zurechtlegen, um sich doch immer wieder etwas hinter die Binde zu kippen. Diese Frauen finde ich ähnlich liebreizend wie diejenigen, die anschließend mit Kippe in der Hand den Kinderwagen schieben. Bei dem Gedanken daran wird mir ganz schlecht.

Allerdings: Nur weil ich schwanger bin, bin ich ja nicht gleich krank und nehme auch weiterhin am Leben teil – zumindest solange es noch möglich ist. Und so gehe ich auch mit Kugel gern auf Konzerte, stelle mich die neun Monate dann eben an den Rand, wo es nicht zu laut für die kleine Strampelmaus in meinem Bauch ist, und verbuche sowas unter 'musikalische Früherziehung'. Unseren Beschützer haben wir Mädels dank dem reizenden Herrn Papa schließlich an unserer Seite.

Und auch diesmal bereue ich die Entscheidung nicht. Während der grandiose Angus Young nach einem phänomenalen Gitarrensolo 'Highway to Hell' anstimmt, zeigt mir unsere Kleine, dass sie das genauso sieht: mit einem Tritt – im Takt wohlgemerkt! Ich platze fast vor Stolz und sehe sie schon in Gedanken in zwanzig Jahren auf der Bühne stehen – da macht es hinter mir laut 'Platsch': Manni ist in den Matsch gefallen.

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