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'Das romantische Manifest': Schluss mit der Suche nach der perfekten Liebe

Birgit Ehrenberg
Birgit Ehrenberg schreibt jede Woche für Sie über die Liebe

Lesen Sie 'Das romantische Manifest'

Wer liest heutzutage eigentlich noch die 'Kunst des Liebens' von Erich Fromm? Viel zu wenige, wie ich meine. Denn dieses 1956 zum ersten Mal erschienene Werk offenbart die Wahrheit über die Liebe.

Von Birgit Ehrenberg

Dabei ist das schmale Buch nicht servicelastig, es gibt keine Tipps und Tricks, wie man strategisch einen Menschen erobert, es gibt keine Geheimrezepte, wie man mit Hilfe esoterischer Beschwörungen und Wundertränke die Liebe am Kragen packt. Zunächst einmal geht es darum, die Liebe begrifflich zu bestimmen, wie es sich für einen Philosophen gehört.

Erich Fromm nimmt die Liebe feinsäuberlich theoretisch auseinander und setzt sie wieder zusammen, Analyse und Synthese der Liebe quasi - und kommt dann zu folgendem Schluss: Es geht beim Lieben um das Lieben, nicht um das Geliebtwerden. Das Lieben ist nichts, was einem in den Schoß oder ins Herz fällt, es ist etwas, das gelernt werden muss, bis hin zur Meisterschaft, bis hin zur Kunst des Liebens.

Erste und wichtigste Lektion: Wer liebt, will nicht besitzen, festhalten und horten. Liebende sind keine Eigentümer. Liebende 'haben' nicht, sie 'sind' im Sein. So heißt übrigens ein anderes Buch von Fromm - 'Haben oder Sein'.

Man wird ganz wuschig, wenn man die 'Kunst des Liebens' Buch zum ersten Mal liest und an normale Liebesratgeber-Kost gewöhnt ist. Ungeduldig fräst man sich durch das Buch, um endlich zu erfahren, wie Liebesglück 'funktioniert'. Das steht da aber nicht. Weil Liebesglück nicht funktioniert. Dieses technische Denken ist falsch. Wir lieben falsch, weil wir falsch denken.

Am liebsten würde ich mich täglich in die Fußgänger-Passagen dieses Landes stellen und die 'Kunst des Liebens' jedem in die Hand drücken, der so aussieht, als würde er sich ernsthaft für die Liebe interessieren, also Hans und Franz. Denn Liebe gilt in unserer Gesellschaft als der Glücksquell schlechthin. Dabei ist das Glück wenigen vergönnt, die meisten leiden oft oder temporär unter der Liebe wie ein geprügelter Hund.

In Paris, der Stadt der Liebe, sitzt ein Mann, der seinen Erich Fromm kennt, der ihn sich ordentlich zur Brust genommen hat und sich von dessen Philosophie leiten lässt: Milosz Matuschek.

Das war nicht immer so. Zunächst hat Herr Matuschek auch geglaubt, die Liebe sei ein Gut, dass man erwerben könne, wenn man nur effizient genug vorgeht. Ganz dem modernen Konsumdenken verhaftet, hat er sich brav bei diversen Online-Portalen angemeldet, um endlich die beste reale Beziehung aller Welten in der besten aller virtuellen Liebeswelten zu finden. Nach dem Motto: "Liebesglück ist machbar, wähle aus und greif zu, Du!"

Leider wurde daraus nichts. Matuschek fiel auf diese Weise weder eine Traumfrau ins Emailfach noch ins Haus. Stattdessen eine Erkenntnis, die auf Sokrates zurückgeht: "Ich weiß, dass ich nichts weiß". Jedenfalls nichts über die Liebe.

"Die Liebe, ein rebellischer Vogel"

Über 2.000 Frauen hat der arme Herr Matuschek gedatet, bis ihm aufging: Jedes Kalkül verpufft angesichts dessen, was die Liebe wirklich ist. Sie ist eben nicht berechenbar. Sie ist kein Produkt, ein potentieller Partner ist kein Produkt, die Liebe ist ein Phänomen. Ein romantisches Phänomen, dass sich nicht ergreifen lässt. Es muss begriffen werden.

So steht das auch bei Erich Fromm. Er warnt davor, dass wir die arme Liebe in eine kapitalistische Zwangsjacke stecken und mit ihr Geschäfte machen.

Milosz Matuschek konnte nicht anders, er musste nach seiner Läuterung in die Tasten hauen und auch ein Buch über die Liebe schreiben, eines, das in der Tradition von Erich Fromm steht und sich auf ihn bezieht, die Gedanken aber zugleich in unsere Zeit übersetzt.

'Rezeption' nennen das die Intellektuellen. Ein trockenes Wort für einen fruchtbaren Vorgang, wenn man gewillt ist, die Ohren zu spitzen. Die Quintessenz des Buchs (es heißt 'Das romantische Manifest' und ist im Ch. Links Verlag erschienen) ist eine Modifikation des Sokratischen Wortes, die man wie folgt auf den Punkt bringen kann: "Ich weiß, dass ich nichts tun kann, um der Liebe zu begegnen. Und das ist gut so."

Das wirklich großartige Buch wurde mir von einem unerträglich pragmatischen Kollegen empfohlen, der sicher ist, sich alles kaufen zu können und vor allem zu müssen, was das Herz oder die Hose begehrt. Seine Ehefrau hat er aus einem seriösen Dating-Portal, das mit Hilfe eines Systems von Matching Points garantiert, den 'Richtigen' oder die 'Richtige' abzukriegen. Seine Sex-Gespielinnen rekrutiert der Mann aus Sex-Portalen. Denn trotz Ehefrau kann er den Hals nicht voll kriegen, wie es sich für einen Liebes-Kapitalisten gehört.

Sich sehnen, schmerzliche Leere fühlen, ungeduldig werden und dann wieder hoffen, sich auf die Liebe als ein Ereignis freuen, ohne zu wissen, wann sie sich zeigt, das ist dem Kollegen fremd. Er bemitleidet mich, weil ich mich vor der Liebe verbeuge und sie in Ruhe lasse und darauf vertraue, dass ich ihr begegne, anstatt sie als 'Projekt' zu betrachten und in mein Leben zu 'holen'.

Matuschek hat seinem Buch ein Motto vorangestellt, das lautet: "Die Liebe ist ein rebellischer Vogel, der keinem Gesetz gehorcht."

Die Wendung stammt aus der Oper 'Carmen' von George Bizet, ein Paradestück über die Liebe, über die Leidenschaft – und über unsere (herrliche) Ohnmacht, wenn wir von ihr ergriffen werden.

So sieht das aus mit der Liebe. Wir werden von ihr ergriffen. Bis das soweit ist, kann man getrost die Hände in den Schoß legen, wenn man das mit der Liebe alles richtig verstanden hat.

Wie sagt eine gleichermaßen kluge wie bodenständige Philosophie-Professorin aus meinem Freundeskreis immer, wenn sie die Haltung beschreibt, die der Liebe gerecht wird: "Ich sitze hier und schneide Speck, und wer mich lieb hat, holt mich weg."

Wem dabei langweilig wird oder wer keinen Speck mag, der sollte sich die Zeit bis zur Abholung mit der Lektüre von Erich Fromm oder Milosz Matuschek vertreiben.

In dem Sinne alles Liebe, Eure Birgit

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