LIEBE LIEBE

Das große Tabu: Wann ist Inzest Liebe, wann Missbrauch?

Inzest
Wenn der Vater zum Partner wird

Zwei Frauen, die in ihrem "Daddy" ihren Lebensgefährten sehen

Zwei Väter, die mit ihren Töchtern in einer Paarbeziehung leben. Zwei erwachsene Töchter, die in ihrem "Daddy" zugleich auch einen Lebensgefährten sehen, mit dem sie sogar Kinder haben (wollen). Zwei Fälle, die derzeit im anglo-amerikanischen Raum für Diskussionen sorgen. Beide Beziehungskonstellationen ähneln sich in frappierenden Punkten: Vater und Tochter waren jeweils mehr als ein Jahrzehnt voneinander getrennt. Bei ihrem Wiedersehen erwachten Gefühle, die mehr waren als väterlich/töchterliche Liebe: Sie wollen als Mann und Frau leben - mit gemeinsamen Kindern und allen Konsequenzen. Beide Paare machen sich durch ihre Liebe strafbar.

Ursula Willimsky

Inzest – also eine Paar-Beziehung zwischen nahen Blutsverwandten – ist in vielen Ländern verboten. In Deutschland gilt diese Bestimmung für Menschen, die in gerader Linie miteinander verwandt sind sowie für Geschwister. In anderen Ländern ist beispielswiese die Liebe zwischen Bruder und Schwester nicht illegal, Eltern-Kind-Inzest wird ohnehin als Kindsmissbrauch verfolgt. Zum letzten Mal groß diskutiert wurde das Thema Inzest in Deutschland, als ein Geschwisterpaar vor Gericht durch alle Distanzen ging, um seine Liebe legalisieren zu lassen. Und verlor. Das Paar hat vier gemeinsame Kinder, hat sich inzwischen aber getrennt.

Ihnen ging es um die Legalisierung einer Liebe, die – so unterstellen wir – wenigstens auf Augenhöhe stattfand. Die Gerichte blieben bei der alten Rechtsprechung, ihre Beziehung blieb verboten, der Bruder/Lebenspartner musste ins Gefängnis. Dabei – und das zeigte die Diskussion damals – ist es schwierig, zu begründen, weshalb Inzest verboten ist (hier ist von Inzest die Rede, nicht von sexuellem Missbrauch Abhängiger oder Kinder!) Per Gesetz sollen die besonderen Konstellationen innerhalb einer Familie geschützt werden. Für viele sind die deutlich erhöhten genetischen Risiken für den potenziellen Nachwuchs ein schwerwiegendes Argument. Deren Kritiker wieder weisen darauf hin, dass dieser Aspekt nicht in den Aufgabenbereich des Staates fallen dürfe – sonst müsste besagter Staat auch Menschen mit Erbkrankheiten verbieten, Kinder zu bekommen. Undenkbar.

Was zählt mehr? Die sexuelle Selbstbestimmung? Oder der Schutz der Familie mit ihren klar definierten Rollen? Inzest führt auf jeden Fall dazu, dass sich Rollenverteilungen innerhalb einer Familie auflösen und überschneiden.

In den beiden aktuellen Fällen aus Großbritannien und den USA geht es nicht um Geschwisterliebe, sondern um eine – auch sexuelle – Beziehung zwischen leiblichen Vater und Tochter. Einer Beziehung also, die unserer Meinung nach von völlig anderen Abhängigkeiten und Verantwortlichkeiten geprägt ist als die zwischen Geschwistern. Umso beängstigender liest sich das Interview, das die junge amerikanische Frau (die anonym bleiben möchte) 'Science of US' gab: "Wenn ich einen Vater brauche, sage ich: 'Hey Dad, ich brauch dich'. In dem Moment ist er nicht mehr mein Verlobter." Außerdem habe er ihr versprochen, immer ihr Daddy zu bleiben, selbst wenn ihre Liebesbeziehung einmal scheitern sollte.

"Endlich den Menschen gefunden zu haben, den ich mein ganzen Leben vermisst hatte"

Zwei Sätze, nach denen es mir schwer fiel, weiterzulesen. Denn hier spricht ein 18-jähriges Mädchen, das eine sehr schwierige Kindheit und Jugend hinter sich hat: Diverse Stiefväter, eine psychisch kranke Mutter, ein soziales Umfeld, das von Drogen geprägt war. Und in dessen Leben vor zwei Jahren via Facebook-Anfrage ein Mann einbrach, der ihr zum ersten Mal eine echte Vaterfigur präsentierte. Ein paar Tage später war genau dieser Vater auch das, was man als "erster Mann" im Leben einer Frau bezeichnet.

Die beiden wollen nun in einen US-Staat ziehen, in dem Inzest zwischen Erwachsenen nicht strafbar ist. Und dort eine Familie gründen – mit Billigung der Großeltern des Mädchens, die zugleich auch Eltern des Bräutigams sind. Die heute 18-Jährige schildert ihren Vater/Partner als sehr zärtlich und einfühlsam – und dennoch: bei jedem Satz, den sie erzählt, schrillt in unserem Hinterkopf eine Alarmglocke und das Wort Missbrauch steht in großen Lettern im Raum. Ein Mann Mitte 30, der mit einer 16-Jährigen eine sexuelle Beziehung beginnt, in dem Wissen, dass er ihr leiblicher Vater ist – selbst wenn das nach Liebe hungernde Mädchen scheinbar bereitwillig darauf eingeht, kann das nicht legitim sein. Damals nicht und auch heute nicht, obwohl sie inzwischen volljährig ist.

Auch im britischen Fall gibt es – natürlich – diesen Altersunterschied. Immerhin war hier die Tochter bereits erwachsen, als sie ihren Partner über Freunde kennenlernte (erst später fanden die beiden heraus, dass sie Vater und Tochter sind). Er wurde inzwischen verurteilt, sie erwartet eine Anklage. Die beiden gehandicapten gemeinsamen Kinder wurden unter Obhut des Jugendamtes gestellt. Hier taten sich zwei Erwachsene zusammen – doch hätte nicht auch hier der Vater sich zurückziehen müssen, als er merkte, dass Gefühle entstehen, die über das Vater-Kind-Übliche hinausgehen?

Manche sagen: Sie wurden Opfer von GSA, einem Kürzel, das für Genetic Sexual Attraction steht – für eine genetisch bedingte sexuelle Anziehungskraft, die bei Geschwistern und nahen Verwandten nicht zum Tragen kommt, wenn sie gemeinsam aufwachsen. Die Nähe unterdrücke die sexuelle Attraktivität. Bei Eltern oder Kindern, die getrennt wurden, könne sie dagegen nach Jahren wirken: Man sei sich fremd – und zugleich auf den ersten Blick extrem nah, weil man sich so ähnlich sei.

Das deutsche Geschwisterpaar, das sich ineinander verliebte, wurde als Kind getrennt. Die beiden Vater-Tochter-Konstellationen hatten ebenfalls jeweils über 10 Jahr jeglichen Kontakt verloren. "Ich hatte das Gefühl, endlich den Menschen gefunden zu haben, den ich mein ganzen Leben vermisst hatte", beschreibt die heute 18-jährige US-Amerikanerin den Moment, als sie ihren Vater wiedersah. Vielleicht war das tatsächlich so. Doch wir finden: Sie hätten nach den Jahren des Suchens einen Vater verdient, der ihr seine Liebe schenkte. Und in der Lage war, Grenzen zu setzen und ihr Sicherheit zu schenken, in einer Familie, in der er ihr "Daddy" ist. Und nichts anderes.

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