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Das Baby anziehen: Knöpfe, kleine Ösen, Bändchen - das ist nichts für Papa-Hände!

Das Baby anziehen: Knöpfe, kleine Ösen, Bändchen - das ist nichts für Papa-Hände!

Manche Dinge überfordern mich einfach

"Komm, lass mich mal" - wenn dieser Satz fällt, packe ich entweder gerade Geschenke ein oder ich ziehe das Baby an. In jedem Fall läuft gehörig etwas schief und meine Verlobte greift ein, um Schreckliches zu verhindern. Mit hochgezogenen Augenbrauen. Das gleiche Gesicht habe ich neulich im Auto gemacht, als ich dieses extreeem komplizierte Park-Manöver übernehmen sollte (ihre Begründung: "Links kann ich nicht einparken").

Von Sebastian Priggemeier

Ich gebe es zu: Manche Dinge auf diesem Planeten überfordern mich komplett, andere wiederum lassen mich vollkommen kalt. Einen anderthalb Tonnen schweren Kleinwagen in die Lücke zwischen zwei 50.000-Euro-Karossen bugsieren? Kein Problem, wann geht’s los?! Einem Säugling den Body anziehen? Bitte nicht. Ganz ehrlich, ich würde lieber mit verbundenen Augen und Fäustlingen Bomben entschärfen, als das Kind anzuziehen.

Geschrei, Gezeter, Mordio! Klein-Lene liegt rücklings auf der Wickelkommode und brüllt, als ginge es ihr in einer dunklen Gasse an den Kragen. Rote Rübe, blanke Panik in den Augen - verständlich, schließlich will ich ihr ja gerade eine Jacke anziehen... Dann, mitten im Chaos aus Schreien, Tritten und Wut-Pupsern fällt er, der Notbremsen-Satz: "Lass mich mal." Mama Tini übernimmt. Sie tritt von der Seite an uns heran und plötzlich herrscht Ruhe. Herrlich. Wohl auch für Lene, denn es plumpsen dicke Tränen der Erleichterung aus ihren Augenwinkeln. Oh nein, Babytränen! Gar nicht herrlich. Für mich ist klar: "Das Kind hasst mich." "Nein, Quatsch. Sie spürt nur, dass du Angst hast - und das überträgt sich auf sie", sagt Tini. Wie bitte? Ich komme mir vor wie der (talentfreie) Azubi des Pferdeflüsterers. Aber die Stille zeigt: Sie hat wohl Recht.

Angst essen Seele auf. Das Problem: Parklücken sind mehrere Meter breit - die Arm-, und Beinöffnungen von Babybodys nicht. Ganz im Gegenteil. Mir kommen die Dinger vor wie Nadelöhre, nur dass sich Garn beim Einfädeln nicht windet wie ein Aal. Verdammte Friemelei! Wenn es nur zwei Arme und zwei Speckbeine wären - nein, mich beunruhigen eher die zehn Finger. Kleine, weiche Gebilde.

Wenn ich die Hand durch den Ärmel führe, zähle ich immer laut die Fingerchen, die schon aus der Öffnung ragen und tue so, als wäre es ein Spiel, mit dem ich das Kind beruhigen will. "Drei Fingerchen, vier Fingerchen, und UUUI! Tadaaa: fünf Fingerchen. TOLL!" Aber meine Freude ist nicht gespielt. Denn insgeheim rechne ich immer damit, dass mindestens ein Finger im 90-Grad-Winkel absteht. Ausgekugelt auf dem Weg durch den Ärmel. Vielleicht auch gebrochen, jedenfalls völlig deformiert. Und ich bin Schuld. Ein Albtraum.

Ich würde gerne mal einen Babyklamotten-Designer zur Rede stellen. Oder besser: Anschreien. Warum zum Teufel müssen Babys angezogen sein wie kleine Erwachsene? Überall zierliche Knöpfe und pinke Bändchen zum Schleifebinden. Alles knalleng. Jaaa, total süß! Aber wozu gibt es Reiß- und Klettverschlüsse? Denkt an die Väter: Wie soll MANN mit Erwachsenenhänden diese Knopf-Miniaturen in die Ösen friemeln? Hätte ich so ruhige Hände, wäre ich längst Neurochirurg. Bin ich aber nicht. Entwerft doch bitte einfach Bodys mit Klettverschluss und Druckknöpfen. Klar, das sieht nicht so schick aus, aber es schont die Nerven. Oder Wickelbodys! Ich liebe Wickelbodys. Warum gibt es die nur bis Größe 68? Ich verstehe es einfach nicht.

Ich weiß, ich habe ein Angst-Problem, und ich muss daran arbeiten. Deswegen sage ich immer öfter zu Tini: "Komm, lass mich mal. Ich muss das lernen." Üben, üben, üben. Mittlerweile umschließe ich die Babyhand einfach mit meiner Hand, wenn ich sie durch den Ärmel führe. Das klappt gut. Und meistens ballt Lene dabei sogar selbst die Hand zur Faust. Sie ist ja auch nicht auf den Kopf gefallen. Bis jetzt noch nie, ehrlich! Gott sei Dank.

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