Culture-Clash mit Judi Dench: ‚The Best Exotic Marigold Hotel’

14.03.12 14:10
Judi Dench in 'The Best Exotic Marigold Hotel'
 

4 von 5 Punkten

Indiens Antwort auf die Bedürfnisse wohlhabender Briten soll das ‚Best Exotic Marigold Hotel’ sein – ein Ort, an dem sie ihre goldenen Lebensjahre verbringen können und durch luxuriöseste Annehmlichkeiten verwöhnt werden. So steht es zumindest in einem verlockenden Prospekt, das sieben ältere Briten in das indische Rajasthan lockt. Doch als die Gäste schließlich vor ihrem Hotel stehen, scheint dieses für ihre Ankunft noch nicht wirklich bereit zu sein. So beginnt für die Ruheständler in einem für sie vollkommen fremden Land ein berührendes Abenteuer, das von so großartigen britischen Schauspielern wie Judi Dench oder Maggie Smith zum Leben erweckt wird.

Im Laufe ihres Abenteuers stellt sich der betagten Truppe vor allem eine Frage: Ist es jemals zu spät für eine Veränderung? Keine Frage: Verpflanzt man Menschen, die in ihrer Umgebung und Lebensführung festgefahren sind, an einen für sie vollkommen fremden Ort, entsteht naturgemäß Spannung. Und die hat Regisseur John Madden (‚Shakespeare in Love’, ‚Eine offene Rechnung’) in seinem neuen Film in wunderbare Bilder gepackt. Zu den Leuten, die mit vielen Problemen im Gepäck in der sonnendurchfluteten Metropole Jaipur in der Hoffnung auf ein neues Leben ankommen, gehört beispielsweise die verwitwete und mittellose Evelyn, souverän und großartig gespielt von Judi Dench ('J. Edgar'). Deren Ehemann hat ihr einen solch hohen Schuldenberg hinterlassen, dass sich Evelyn komplett neu orientieren muss. Und um sich das Leben vor Ort überhaupt leisten zu können, will sie dort in einem Call-Center arbeiten.

Auch den pensionierten, aber vollkommen desillusionierten Richter Graham (Tom Wilkinson, ‚Mission: Impossible, Phantom Protokoll’) verschlägt es in die Ferne. Aufgewachsen im post-kolonialen Indien will er sich auf die Spuren unbeschwerter Kindheitstage begeben - und weiß, dass es noch ein offenes Kapitel für ihn gibt, das ihm keine Ruhe lässt. Die schrullige Muriel dagegen, brillant gespielt von Maggie Smith (vielen vor allem als Professor McGonagall aus den 'Harry Potter'-Filmen bekannt), hat es notgedrungen nach Indien verschlagen. Die alte Dame soll hier eine neue Hüfte bekommen. Dumm nur, dass sie grundsätzlich jedem Ausländer misstraut.

Hochkarätige Besetzung vs. Culture-Clash-Klischees

Sie und die anderen Neuankömmlinge sind alle abhängig vom Wohlwollen des ehrgeizigen, aber leider auch ziemlich naiven Hotelbesitzers Sonny Kapoor (Dev Patel, ‚Slumdog Millionaire’). Der junge Inder hat das ehemals elegante Gebäude von seinem Vater geerbt. Im Moment allerdings kann er nur Chaos anbieten. Doch was Sonny an Mitteln fehlt, gleicht er mit großem Enthusiasmus aus. Dennoch sind die Gäste fassungslos, dass die versprochenen 'Verbesserungen' wie fließend Wasser, Strom und Telefon bestenfalls ungewiss bleiben. Und hier liegt leider eine der großen Schwachstellen des Films: Die unterschwellige Arroganz, mit der Madden zeigt, wie sehr die westliche Zivilisation anderen ökonomisch und emotional überlegen zu sein scheint, wirkt in seinem neuem Film oft sehr befremdlich. So beschleicht den Zuschauer mitunter das Gefühl, dass ein fernöstliches Land mit seinen Kulturunterschieden wieder einmal als Kulisse dafür herhalten muss, um die psychologische Entwicklung westlicher Charaktere besser inszenieren zu können.

Aber so ärgerlich diese Haltung auch ist, der topbesetzte Cast bügelt diese Schwäche zum Glück wieder aus. Vor allem die herrlich komische, stets naserümpfende Maggie Smith als eine in ihren Vorurteilen gefangene Ewiggestrige legt hier eine ihrer Glanzleistungen hin. Und trotz aller Verunsicherungen schließen die Neuankömmlinge neue Freundschaften und fangen an, sich langsam aber sicher von ihrer Vergangenheit zu lösen. Und das in einem Alter, in dem Menschen eigentlich dazu neigen, ihre Komfortzonen nicht zu verlassen. Aber gerade diese Verlusterfahrung ist der Auslöser für viele melancholische, aber auch sehr komische Momente, die alle zu sagen scheinen: Es ist nicht unmöglich, in Würde und mit Vitalität alt zu werden. Passenderweise hat Kapoor dazu ein indisches Sprichwort parat: „Am Ende wird alles gut sein. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es eben noch nicht das Ende.“ Ein wunderbar nachdenklich stimmender Film, der vor allem eines zeigt: Es ist tatsächlich nie zu spät für eine Veränderung.

Von Norbert Dickten

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