Costa Concordia: Ehefrau verteidigt Kapitän. Zu Recht?

Wie weit darf die Ehefrau des Kapitäns der Costa Concordia ihrem Mann Rückhalt geben?

Ehefrau verteidigt Kapitän der Costa Concordia

"Das ist eine Hetzjagd. Man sucht einen Schuldigen, einen Sündenbock. Aber er ist kein Monster." Fabiola Russo, die Ehefrau des Kapitäns der Costa Concordia, hat sich schützend vor ihren Mann Francesco Schettino gestellt. In mehreren Interviews zeichnet sie ein Bild des Kapitäns, das deutlich anders ausfällt als das Bild der derzeitigen öffentlichen Meinung: Er sei standhaft und klug, habe sich stetig weitergebildet. Seiner Besatzung sei er Anlaufstelle, Lehrer gewesen. Gegenüber der italienischen Wochenzeitung 'Oggi' beklagte sie, ihr Mann "stehe am Pranger". Und in 'Paris Match' führte sie diesen Gedanken weiter aus: Ihr Mann sei Ziel einer "Hetzjagd", sie könne sich "an keine Luftfahrt- oder Schiffskatastrophe erinnern, bei der der Verantwortliche mit solch einer Wucht angegriffen worden" sei.

Von Ursula Willimsky

Detailliert schildert sie, dass ihr Mann die Seefahrt liebe, sich auskenne. So habe er nie aufgehört, sich weiterzubilden, um die Grenzen und Regeln der Seefahrt kennenzulernen: "Er versteht sein Handwerk, aber auch jemand, der sein Handwerk versteht, kann sich irren, vorausgesetzt er hat sich geirrt." Angesichts der vielen katastrophalen Fehlentscheidungen an jenem 13. Januar, angesichts der vielen Toten, mag es auf den ersten Blick irritieren, dass Russo sich so offensiv vor ihren Mann stellt. Sollte sie nicht zumindest schweigen? Sich neutral geben? Doch auf den zweiten Blick kommt man ins Grübeln: Sie scheint ihn ja nicht in erster Linie von der Verantwortung freisprechen zu wollen - sie scheint sich eher an der Art und Weise, wie gegen ihn berichtet und vorgegangen wird zu stören. Kann man sie dafür kritisieren?

Costa Concordia: Trägt nur Kapitän Schuld?

Die beiden sind verheiratet, haben sich irgendwann versprochen, in guten wie in schlechten Zeiten zueinanderzustehen. Darf, ja muss eine Ehefrau vielleicht sogar versuchen, ihren Mann zu schützen? Ihm zumindest zeigen, dass sie zum ihm hält, wenn auch der Rest der Welt sich gegen ihn zu stellen scheint? Der Gedanke "Wie kann die nur ihren Mann schützen wollen, nach all dem was passiert ist?" ist eine mögliche Reaktion auf Russos Interviews. Man kann sich aber auch fragen, ob sie nicht aus Liebe oder einem Verantwortungsgefühl ihrem Mann gegenüber gesprochen hat. Sie ist seine Frau - und steht auch in Krisenzeiten fest zu ihm. Viele Frauen handeln so, meist im Verborgenen; wenn der Ehemann öffentlich in der Kritik steht, auch öffentlich. An der Frage der Verantwortung oder Schuld des Partners ändert das ja nichts.

Zumal sich ja auch die Frage, wer tatsächlich wie viel Verantwortung für das Unglück trägt, immer noch nicht beantworten lässt. Zusehends scheint auch die Reederei selbst ins Visier zu geraten. So meldet 'Spiegel online', dass Rettungsboote defekt gewesen wären, es an Bord Schlampereien und unfähiges Personal gegeben hätte. Und dass es bereits einmal auf einem Schiff der Reederei eine Havarie gegeben hätte, die damals "vertuscht" worden sein soll. Je länger die Ermittlungen laufen, desto mehr Gerüchte, Vorwürfe oder Behauptungen tauchen auf. Bis hin zu Trittbrettfahrern, die versuchen aus dem Unglück Kapital zu schlagen, indem sie längst verstorbene Verwandte als Opfer der Schiffskatastrophe ausgeben.

Schuldzuweisungen, Ablenkungsmanöver und viele ungeklärte Fragen werden die Ermittler und Behörden wohl noch lange untersuchen müssen, bis sie endgültig herausgefunden haben, wer die Verantwortung trägt für die Havarie. Fabiola Russo hat auf einige der derzeitigen Vorwürfe reagiert. Wie weit das Bild, das sie von ihrem Mann hat, mit den Wahrnehmungen anderer übereinstimmt, wie weit sie überhaupt beurteilen kann, ob er in der Vergangenheit ein guter Kapitän war oder nicht, sei dahingestellt. Was meint Ihr? Sind Ihre Äußerungen für Euch nachvollziehbar? Hat sie Eurer Meinung nach richtig reagiert, in dem sie sich hinter ihren Mann gestellt hat?

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