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Co-Abhängigkeit: Die Sucht, Süchtigen zu helfen

Co-Abhängigkeit: Die Sucht, Süchtigen zu helfen
Co-Abhängige verstärken letztendlich die Sucht © Getty Images, Mixmike

Bei eine Co-Abhängigkeit ist man abhängig vom Süchtigen

Süchtige sind nicht allein. Was sich zunächst positiv anhört, kann sich schnell zum Negativen verkehren. Denn eine Sucht hat häufig mehr als ein Opfer: Neben dem direkt Betroffenen werden oft auch Kinder, Lebenspartner und sogar Freunde mit in die Sucht hineingezogen. Eine banale Feststellung, die oft unter dem Begriff "Co-Abhängigkeit" zusammengefasst wird. Aber so einfach ist die Sache nicht.

Von Nora Hespers

Es ist ein Teufelskreis, der sich nur schwer durchbrechen lässt. Der Partner (Vater, Sohn) gerät in eine Krise und sucht sein Heil in der Flucht vor der Realität. "Fluchthelfer" können Drogen und Alkohol sein, aber auch Spielsucht zählt dazu. Als Partner hat man nun den verständlichen Wunsch zu helfen. Glaubt man zunächst noch an gelegentliche Ausrutscher, greift die Krise bald auch auf das eigene Leben über. Wenn beispielsweise der Job leidet oder Freunde misstrauisch werden, wird häufig versucht, den Krisen-Zustand zu vertuschen. Da sich der Süchtige selber aber wenig darum kümmert, geht die Verantwortung auf den Partner über. Was als intuitives und nachvollziehbares Verhalten beginnt, nämlich dem Partner in einer Krisensituation helfen wollen, führt oft in eine Abhängigkeit des Partners vom Süchtigen, es entsteht eine Co-Abhängigkeit.

Wie äußert sich co-abhängiges Verhalten?

"Schwachen helfen, jemandem helfen, der in der Krise ist – das sind zunächst einmal Verhaltensweisen, die gesellschaftlich gutgeheißen werden und erwünscht sind", sagt Dr. Jens Gebhardt, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Suchtmedizin. Doch die Hilfe, die Angehörige ihren süchtigen Familienmitgliedern zukommen lassen, führt oft dazu, dass sich die Sucht verschlimmert. Da es sich aber zunächst einmal um intuitiv richtiges Verhalten handelt, ist das nicht nur für die Angehörigen schwer zu erkennen.

Mit einer der Gründe, warum Experten mit dem Begriff "Co-Abhängigkeit" auf Kriegsfuß stehen: "Wir sind mit dem Begriff 'Co-Abhängigkeit' sehr vorsichtig," sagt Christa Merfert-Diete, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und Prävention bei der DHS (Deutsche Haupstelle für Suchtfragen e.V.). "Die meisten Angehörigen sprechen eher von Mitbetroffenheit." Und auch Hartmut Große, Geschäftsführer der AL-Anon Familiengruppen (einer Angehörigen-Organisation der Anonymen Alkoholiker) ist unglücklich mit dem Begriff: "Er verschleiert mehr, als er ausdrückt." so der Experte.

Co-Abhängikeit ist keine definierte Krankheit

Angehörigen von Suchtkranken zu helfen ist oft ein schwieriges Unterfangen. Denn "Co-Abhängigkeit" ist keine definierte Krankheit, konkrete Therapien gibt es nur wenige und auch das Hilfsangebot ist in Deutschland eher dürftig. Zudem ist ein Teil des Verhaltens durch Abschottung von Familie, Freunden und Bekannten geprägt. "Der Impuls, eine Hilfestelle aufzusuchen ist oft ein Zusammenbruch oder völlige Verzweiflung," weiß Dr. Jens Gebhardt aus seiner täglichen Praxis zu berichten. Dann aber helfe vor allem eins: Verständnis zeigen für den Betroffenen, sich mit Vorwürfen zurückhalten und vor allem das Leid der betroffenen Person zu reflektieren. Denn die Schamgrenze, sich einer fremden Person anzuvertrauen sei groß. Vor allem, weil sich gerade Partner oder Angehörige oft selber die Schuld für die Sucht des Abhängigen geben

Eine konkrete Hilfsformel gibt es dann aber nicht. Oft gehe es erst einmal darum, erste Ratschläge für den nächsten Tag mit auf den Weg zu geben. Außerdem sollte ein Versuch gestartet werden, den direkt Betroffenen, also den Süchtigen, mitzubringen. Gelingt es dann, den beispielsweise Alkoholkranken für eine Entgiftung in der Klinik zu behalten, kann eine erste Entlastung der Angehörigen stattfinden. In der Suchtambulanz der Psychosomatischen Klinik Bergisch Gladbach besteht dann auch für die Angehörigen die Möglichkeit, sich psychologisch betreuen zu lassen. Doch das ist der Idealfall. Leider eine Seltenheit in Deutschland.

Selbsthilfegruppen und Suchtberatungen für Co-Abhängige

Auch für Angehörige von Suchtkranken kann die Suchtberatung eine erste Anlaufstelle sein. Oft arbeiten hier Menschen, die durch ihre eigenen Erfahrungen und Lebensgeschichten genau wissen, was zu tun ist. Sie zeigen nicht nur Verständnis für die Situation oder gar Notlage. Sie geben konkrete Hilfestellung und bieten in regelmäßigen Treffen die Möglichkeit, mit anderen Betroffenen zu sprechen. Das Verständnis, das Gefühl, mit seinen Problemen nicht allein zu sein und die Erfahrungen von Menschen, die es geschafft haben, mit der Sucht zu leben, können Kraft geben und Hoffnung vermitteln.

Beratungsstellen finden Sie zum Beispiel bei der Caritas, dem Blauen Kreuz, der Diakonie, bei Ambulanzen von Suchtkliniken und Suchtberatungsstellen für Süchtige. Im Internet bietet die Deutsche Hauptstelle für Suchtberatung (DHS) zahlreiche Broschüren und Informationen rund um das Thema Sucht und Co-Abhängigkeit.

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