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Co-abhängig: Frauen im Sog der Abhängigkeit

Warum Frauen oft in den Sog der Co-Abhängigkeit geraten, erklärt Ihnen Frauenzimmer. de.
Warum Frauen oft in den Sog der Co-Abhängigkeit geraten, erklärt Ihnen Frauenzimmer. de.

Darum sind vor allem Frauen co-abhängig

Schon als sie von der Arbeit nach Hause kommt und die Tür aufschließt, kann sie es riechen. Ein Dunst von Bier und Schnaps hängt in der Luft. Ekel überkommt sie. Als sie das Wohnzimmer betritt, liegt er schnarchend vor dem Fernseher, vor ihm eine Reihe leerer Bierflaschen. Sie läuft in die Küche und sucht nach der gut versteckten Kornflasche - weg. Ein Gefühl von Hilflosigkeit macht sich in ihr breit - und Verzweiflung. Sie wird sich auch morgen wieder etwas einfallen lassen müssen. In der Firma werden sie langsam misstrauisch. Wie lange wird sie noch vor allen verstecken können, dass ihr Mann zu einem elenden Säufer verkommen ist?

Von Nora Hespers

So - oder schlimmer - können Szenen einer Partnerschaft aussehen, wenn der Liebste dem Alkohol verfallen ist. Denn auch häusliche Gewalt und Existenzängste wegen Überschuldung sind nicht selten. Und die Furcht vor Vorwürfen von Freunden und Bekannten. Landläufig werden mitbetroffene Partner von Suchtkranken als co-abhängig bezeichnet, wenn die Sucht auch ihr Leben maßgeblich bestimmt. Doch es ist ein schwieriges Unterfangen, mit dem Begriff "Co-Abhängigkeit" zu jonglieren. Dr. Jens Gebhardt, Leiter der Suchtambulanz in Bergisch Gladbach bringt es auf den Punkt: "Ich verwende den Begriff Co-Abhängigkeit ungerne, weil er immer auch eine Mitschuld impliziert."

Aber wieso geraten gerade Frauen in den Sog der Abhängigkeit? Die Antwort klingt fast zynisch: Weil sie auch heute noch oft abhängig sind – allerdings nicht von Drogen, sondern von ihren Männern.

Der Weg in die Co-Abhängigkeit

Eines sei gleich vorneweg geschickt: Nicht jede Frau - ob Partnerin, Mutter oder Tochter eines Abhängigen - wird auch "co-abhängig".* Trotz allem sind besonders häufig Frauen betroffen. Das zumindest legen Aussagen von Experten nahe: "In den Selbsthilfeverbänden der DHS für Angehörige von Suchtkranken sind vorwiegend Frauen organisiert und nur vereinzelt Männer." sagt Christa Merfert-Diete, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit bei der DHS (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.). Auch Dr. Jens Gebhardt bestätigt das: "Es entspricht der Beobachtung, dass 90 Prozent der Hilfe suchenden Angehörigen Frauen sind."

Einer der Gründe, warum vor allem Frauen oft unter den Auswirkungen der Sucht von Angehörigen leiden, liegt auf der Hand: Statistisch gesehen gibt es deutlich mehr suchtkranke Männer als Frauen. Aber es gibt noch zahlreiche weitere Gründe. So ist es auch heute noch oft so, dass Frauen wirtschaftlich von ihren Männern abhängig sind. In einer Gesellschaft, in der Männer für den gleichen Job mehr Geld bekommen als Frauen wundert das kaum. Es ist also nicht erstaunlich, dass Frauen eine Suchterkrankung des Partners zunächst vor der Außenwelt zu vertuschen suchen. Denn verliert der Partner wegen seines Suchtverhaltens beispielsweise den Job, wird sich die Situation für beide kaum bessern. Damit ist der erste Schritt in die Co-Abhängigkeit bereits vorprogrammiert.

Frauen fühlen sich verantwortlicher

Co-abhängig: Frauen im Sog der Abhängigkeit
Beide brauchen Hilfe © auremar - Fotolia

Eine weitere Beobachtung schildert Hartmut Große, Geschäfts von Angehörigenvereinigung der Anonymen Alkoholiker, AL-Anon: "Kinder aus Alkoholiker-Familien erfahren zwei Dinge: Zum einen gibt es keine Verlässlichkeit, zum anderen gibt es keine Verbindlichkeit." Denn während der eine Elternteil mit seiner Sucht beschäftigt ist, ist der andere Elternteil meist damit beschäftigt, die Folgen der Sucht zu tragen und auszubügeln. "Für die Kinder bleibt oft nicht mehr genug Zeit."

Als Erwachsene haben diese Kinder oft Angst vor Beziehungen, weil sie nie auf die Verlässlichkeit und Verbindlichkeit anderer Personen vertrauen konnten. "Die einzige Verlässlichkeit, die sie kennen und in der sie sich eingerichtet haben ist, dass es keine gibt." Eben diese Erfahrung treibt sie oft wieder zu suchtgefährdeten oder bereits suchtkranken Menschen.

Trotz Emanzipation: Auch die moderne Gesellschaft lebt eine Rollenverteilung, die Co-Abhängigkeit bei Frauen wahrscheinlicher macht: Denn meist sind sie es, die sich für das Wohl ihres Umfeldes verantwortlich fühlen und sich eher mit Gefühlen auseinandersetzen und darüber nachdenken. "Auch Frauen, die als Kind emotionale Armut erfahren haben sind häufig betroffen," analysiert Oberarzt Dr. Jens Gebhardt. Denn in solchen Familien müssten vor allem die Mädchen mehr Verantwortung übernehmen, als ihrem Alter gerecht wäre. Denn häufig erfahren diese Frauen, dass sie sich Liebe erarbeiten müssen. Sie tragen einen eklatanten Mangel an Selbstbewusstsein mit sich herum: "Ich bin nur etwas, wenn mich andere brauchen..."

Um Liebe und Nähe zu erfahren stürzen sich diese Frauen regelrecht auf Hilfsbedürftige. Eine eigene Hilfsbedürftigkeit - zum Beispiel Überlastung und Erschöpfung - wird verleugnet. Damit schließt sich der Kreis der Co-Abhängigkeit, denn: Die Sucht des Partners ist die Garantie für das Fortbestehen der Beziehung. Es entsteht ein sich selbst erhaltendes System von gegenseitigen Abhängigkeiten. Ein perfider Teufelskreis, den die Betroffenen nur selten selber durchschauen und der selbst mit externer Hilfe nur langsam zu durchbrechen ist. An dieser Stelle soll im Übrigen noch einmal betont werden, dass dieses Verhalten nicht bewusst geschieht. Es ist häufig schlicht der verzweifelte Versuch, geliebt zu werden und Anerkennung zu erlangen.

*Der Begriff Co-Abhängigkeit wird hier der Einfachheit und Verständlichkeit halber beibehalten

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt?

Man könnte meinen, was sich so einfach liest, ließe sich auch leicht beheben. Aber oft sind die verschiedenen Aspekte der emotionalen und materiellen Abhängigkeiten stark miteinander verwoben. Und nicht immer suchen die betroffenen Frauen Hilfe wegen des offensichtlich bestehenden Suchtproblems eines Angehörigen. Viele Frauen werden wegen Stressfolgeerkrankungen wie Ängsten und Depressionen behandelt, ohne dass der Suchthintergrund erkannt wird. "Die Angehörigen verlieren sich im Hilfesystem" bestätigt auch Professor Dr. Michael Klein. Und oft haben die betroffenen Frauen auch Angst vor einer Stigmatisierung und Schuldzuweisungen (z.B. "Sie sind doch selber schuld, wenn sie bei einem Säufer bleiben.")

Der Professor für Klinische Psychologie und Suchtpsychologie kennt eine bisher in Deutschland noch nicht sehr verbreitete Therapieform, die Hilfe verspricht: CRAFT - Community Reinforcement and Family Training. Bei dieser Methode geht es darum, mit Hilfe eines Belohnungssystems den Süchtigen wieder zu einem gesunden Verhalten zu verhelfen. Es soll das Konfliktpotential in einer Partnerschaft mindern und dem Süchtigen sowie seinen Angehörigen wieder zu mehr Lebensqualität verhelfen.

Das Grundsystem besteht darin, suchtfreies Verhalten attraktiv zu machen, Suchtverhalten allerdings unbequem und unattraktiv. Der Erfolg beruht auf der Annahme, dass der Süchtige vor allem dann erkennt, dass er ein Problem hat, wenn sein suchtfreies Verhalten belohnt wird.

Co-Abhängigkeit – Eine ausweglose Situation?

Co-abhängig: Frauen im Sog der Abhängigkeit
© alexsokolov - Fotolia

Einem Süchtigen zu helfen heißt zunächst einmal, sich selbst zu helfen. Denn um einem Abhängigen eine Stütze sein zu können, brauchen Sie zunächst einmal sich selber und jede Menge Kraft. Für die betroffenen Frauen ist es wichtig zu erkennen, wie viel Verantwortung sie für ihren Partner übernommen haben und wie viel Energie sie in etwas investieren, dass eher schlimmer als besser wird. Erst, wenn diese Frauen lernen, die Verantwortung wieder zurückzugeben und den Partner die Konsequenzen seiner Sucht auch spüren zu lassen, hat dieser eine Chance zu erkennen, dass es ein Problem gibt.

Das muss nicht zwingend darin enden, dass sich die Frauen von ihren Männern trennen und sie ihrem Elend überlassen. Das beteuert auch Dr. Jens Gebhardt. Er kennt gleich mehrere positive Beispiele aus seiner täglichen Praxis. Vielmehr muss versucht werden, den Frauen zu verdeutlichen, dass ihr bisheriges Verhalten zwar intuitiv richtig ist, aber in dieser Situation nicht den gewünschten Erfolg bringt. Dabei sollte tunlichst auf Schuldzuweisungen verzichtet werden. Denn oft genug wird eben dieser "Misserfolg" als eigenes Versagen gedeutet. Doch erst wenn diese Schamgrenze überwunden ist und eine ausreichende Distanz zum Suchtproblem des Partners besteht, kann auch ein gemeinsamer Kampf gegen die Sucht aufgenommen werden.

*Der Begriff Co-Abhängigkeit wird hier der Einfachheit und Verständlichkeit halber beibehalten

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